Timo Vogt

Syrien – Aufstand auf dem Land

Die Region um Idlib ist im ersten Jahr des Bürgerkriegs Schauplatz von Hinrichtungen, Verschleppungen, Leid. Eine Reise durch eine schreckliche Landschaft.

In welchen moralischen Aggregatszustand muss ein Regime übergegangen sein, wenn dessen Scharfschützen auf Menschen schießen, die lediglich die Straße ihres Ortes überqueren? Wenn gewaltfreie Demonstrationen zusammengeschossen und behandelnde Ärzte als “Terroristen” hingerichtet werden?

Im Februar 2012 näherte sich der Body-Count nach elf Monaten des Aufbegehrens in Syrien der Zehntausender Marke. Doch immer noch war nur wenig bekannt über die Zustände dieser ‚Arabellion’. Mit einigen wenigen Rebellen, der aus desertierten Soldaten und ersten bewaffneten Zivilisten bestehenden neuen Freien Syrischen Armee (FSA), machte sich der Fotograf Timo Vogt über die grüne Grenze in die nordwestliche Provinz Idlib auf. Schon auf dem Weg in die von Regierungstruppen belagerte Stadt Idlib fotografierte er quasi im Vorbeigehen einen Hinrichtungsplatz in einem Bauernhaus. Sieben gefesselte Männer waren hier durch Kopfschüsse niedergestreckt worden. Die Stadt selbst war nur über regelmäßig unter Feuer liegende Straßen erreichbar.

Der Besuch des Dorfes Kurin am Tag darauf fiel mit einem schweren Angriff der syrischen Armee und der in ihrem Schatten agierenden Shabiha-Miliz zusammen. Die Kinder waren gerade auf dem Weg zur Schule, als die ersten Artilleriegeschosse im Ort einschlugen und Kalaschnikow-Salven durch die Dorfstraßen peitschten. Nur ein paar wenigen gelang es sich in die hier immergrünen Olivenhaine zu flüchten. Stundenlang lag der Ort unter wahllosem Feuer. Die wenigen FSA-Kämpfer, die die Bewohner eigentlich schützen wollten, hatten sich längst davon gemacht. Kampfpanzern und Hubschraubern hatten sie militärisch nichts entgegenzusetzen. Dumpfes Hämmern der Explosionen, Rauchsäulen über den Dächern und immer wieder Beschuss der geflohenen und unter Bäumen ausharrenden Familien.

Nachdem die Armee abends weitergezogen ist, werden mehrere Leichen eingesammelt, Häuser stehen in Flammen, die Läden sind geplündert, ganze Straßenzüge niedergemacht von Panzerketten. Eine dichte Blutspur schlängelt sich hundert Meter eine Gasse hinauf. Ein toter Mann wird herbeigeschafft, seine Kehle ist breit aufgeschlitzt. Einem Jungen schlug ein Raketenschrapnell in den Kopf ein. Er wird eine Woche später daran sterben. Herumirrende weinende Frauen hier, Kinder die Granatfetzen einsammeln da. 35 Männer sollen verschleppt worden sein. So also sieht eine Strafaktion für oppositionelle Haltung von Dorfbewohnern aus. Die Beerdigung der Toten tags darauf wird eine wütende Demonstration der Dorfbewohner gegen Assad. Der Zug der Trauernden passiert die Stelle wo zwei der Ihren durch Kopfschuss hingerichtet worden sind. Es liegt noch ein Stückchen abgerissenes Hirn im verdorrten Gras und verströmt beißenden Geruch.

Die ländliche Region Idlib war von Beginn an im Widerstand gegen das Regime. Auch die massiven Angriffe auf die Dörfer zwischen Februar und April konnten daran nichts ändern. Die Menschen versammelten sich weiterhin massenhaft auf den Straßen um zu protestieren. Auch während des Waffenstillstands ab Mitte April änderte sich daran nichts, wenngleich der zweite Besuch des Fotografen in der für den Aufstand strategisch wichtigen Grenzregion zur Türkei im Frühling deutlich machte, wie massiv die Regierungstruppen die bewohnten Gegenden zusammengeschossen hatten. Doch eines hatte sich in den vergangenen zwei Monaten noch geändert. Die Menschen hatten ihre Angst gegenüber dem Regime verloren.

Timo Vogt, 1980 geboren, hat nichts studiert und das Fotografieren durch Ausprobieren gelernt. Er lebt in Lüchow-Dannenberg und reist viel in der Welt. Der post-sowjetische Raum und der Nahe Osten sind seine Schwerpunkte. Inhaltlich kreist er meist um soziale Themen und politische Konflikte.

www.randbild.de

Interview mit Timo Vogt:  „Die Menschen stehen im Mittelpunkt, nicht die Kämpfe.“

Unter der Überschrift “Die Kriegsgefangenen” erschien vor kurzem ein Artikel im SPIEGEL, der sich mit der Kriegsfotografie anhand der Biografien der beiden etablierten Kriegsfotografen Joao Silva und Michael Kamber befasst. Silva verlor seine Beine in Afghanistan und will trotzdem wieder in Kriegsgebieten fotografieren, Kamber hat nach dem Tod seines Freundes Tim Hetherington in Libyen seine Kamera in den Schrank gestellt und sagt: “Ich bin am Arsch”.

Nicht wenige Kriegsfotografen sind in den letzten Jahren ums Leben gekommen oder wurden verletzt. Viele können nur mit Alkohol oder Drogen ihre Erlebnisse verarbeiten. Trotzdem gibt es seit Beginn des sogenannten “Arabischen Frühlings”, wohl zum ersten Mal seit Vietnam, einen Run hin zur Kriegsfotografie unter den jungen Fotojournalisten. 

Auch du, Timo, hast dich alleine und ohne Auftrag auf den Weg nach Syrien gemacht, körperliche und psychische Gesundheit riskiert, was war dein Antrieb?

Ich denke der Run hat einiges damit zu tun, dass Kriegsfotografen von einer Aura unendlich tougher Coolness umgeben sind, bzw. medial so dargestellt werden. Der Film Bang Bang Club, der ja u.a. Joao Silvas Karrierebeginn beschreibt, macht das ja auch deutlich. Vormittags das Menschenschlachten fotografieren und abends mit den Kumpels einen trinken gehen und die tollsten Frauen liegen einem zu Füßen. Die Bang Bang Club-Jungs haben zu Hause vor der Tür in Südafrika fotografiert. Wer nun aber den Flieger nimmt und sich nach Syrien aufmacht, wird dort schwerlich eine hippe Kneipe finden nach einem harten Massaker-Tag.

Durch die heute jederzeit abrufbare Echtzeitberichterstattung erscheinen die aktuellen asymmetrischen Konflikte so einfach zu dokumentieren. Tatsächlich sind sie eine unglaubliche Herausforderung, die niemand unterschätzen sollte. Wer z.B. ist gut, wer böse? Syrien bedeutet keine Taxis, keine Hotels, kein Mobiltelefon, nicht mal eine Falafel-Bude um die Ecke. Man ist 24 Stunden täglich im Krieg und hat kaum bis keine Informationen darüber, was um einen herum los ist. Kein nettes Hotelbett, wo man abends sein Bierchen zischt, die Mails checkt und man morgens nach dem internationalen Frühstück mal ein paar Stunden den Krieg fotografiert… und tote Journalisten sind nicht mehr „nur“ Kollateralschäden. In vielen Konflikten sind Journalisten mittlerweile etabliertes Ziel von Entführungen, auch gezielte Tötungen gehören heute zum Kriegsgeschäft. Übrigens, die Hälfte der Bang Bang Club Fotografen ist heute tot.

Ich sehe mich nicht als Kriegsfotografen. Ballereien zu fotografieren interessiert mich nicht wirklich, viel zu viel Risiko für zu wenig fotografisches Ergebnis. Das nehme ich mit, wenn es sich nicht verhindert lässt. In Syrien habe ich “Angebote” der Rebellen ausgeschlagen, sie bei Hinterhalten auf Shabiha-Milizen zu begleiten. Ich will die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf die Bevölkerung abbilden. Doch das ist eine sehr viel größere Herausforderung, als sich einfach an die Jungs mit der Kalaschnikow zu hängen. Wie schaffen es die Menschen weiterzuleben, wie schützen sie sich, wie organisieren sie ihren Alltag oder schlicht, wie leiden sie? Darum geht es doch!

Ich bin im Februar zum ersten Mal nach Syrien gereist. Es ging mir einfach auf die Nerven, das eigene Informationsbedürfnis nur von wackligen und ungeprüften YouTube-Videos befriedigt zu sehen. Außerdem redete man da schon mehr über die relativ kleine bewaffnete Free Syrian Army als von den täglichen Massen-Demonstrationen gegen das Regime. Die Revolution wurde aber von gewaltfreien Aktionen initiiert und getragen, nicht von der FSA. Die jedoch ließ sich medial besser vermarkten. Ich wollte also gewissermaßen einen Volksaufstand fotografieren, der vom herrschenden Regime blutig niederzuschlagen versucht wurde. Ich ging ohne Auftrag rein, weil das einfach meiner gewöhnlichen Vorgehens- und Arbeitsweise entsprach.

Kannst du kurz deinen fotografischen Werdegang beschreiben?

Ende der 1990er Jahre habe ich angefangenen die Jahrzehnte alte Protestbewegung in Lüchow-Dannenberg gegen das Atomprojekt in Gorleben zu dokumentieren. Nachdem ich erste Bilder in lokalen Zeitungen veröffentlicht hatte, ging es recht schnell zu den Nachrichtenagenturen. Damals war in Sachen Gorleben medial noch mehr rauszuholen, was die aktuelle Berichterstattung anging. Es ging flott bergauf und ich habe mich als Fotojournalist selbstständig gemacht. 2002 brach dann alles innerhalb weniger Wochen zusammen, als in der angeblichen Medienkrise die Sparpläne rausgeholt wurden. Ich konnte also noch mal von vorne anfangen. Ich habe mich dann mehr und mehr in Richtung Reportagefotografie bewegt und begann in den Kaukasus zu reisen. Da habe ich die folgenden Jahre viel Zeit verbracht, viele unterschiedliche Themen fotografiert und mich langsam an die abtrünnigen Regionen wie Abchasien, Südossetien und Karabach rangetastet. Für eine Reportage hatte ich ein Stipendium bekommen, ansonsten aber habe ich das alles immer selbst finanziert. Das hat eine Stange Geld gekostet und wenig eingebracht. Aber ich hatte mir eine kleine Position als Kaukasusfotograf erarbeitet, viel gelernt und meine Bildsprache entwickelt. Statt Studiengebühren zu bezahlen, habe ich es praktisch vor Ort versucht.

Weshalb hast du dich entschieden in Krisengebieten zu fotografieren?

Schon 2003 hatte ich den Ausbildungskurs “Journalisten in Krisengebieten” in Hammelburg gemacht. Konfliktberichterstattung fand ich schon sehr früh spannend. Ungerechtigkeit bringt mich auf die Palme. Und Konflikte sind der Inbegriff von Ungerechtigkeit. So viele Unbeteiligte müssen leiden, wenn andere meinen, sich gegenseitig töten zu müssen. Der Kaukasus war und ist voller haarsträubender Konfliktgebiete. Die wollte ich fotografisch angehen. 2008 brach dann der Südossetienkrieg aus. Ich war fest davon ausgegangen, es würde noch drei bis vier Wochen dauern und arbeitete daraufhin, rechtzeitig dort zu sein. Es kam anders, ich war knapp bei Kasse und musste zu Hause bleiben. Gleich am ersten Tag sind dann zwei meiner georgischen Journalisten-Freunde erschossen worden. Sie waren zu unerfahren und definitiv zu weit gegangen. Zusammen mit einem losen weltweiten Netzwerk haben wir dann zehn Tage gebraucht, die Leichen durch die Front zurück zu den Familien zu bringen. Den Mut der Kollegen vor Ort finde ich bis heute beeindruckend. Das Ganze war ein wirklich einschneidendes Erlebnis für mich. Mit dem merkwürdigen Resultat weiterhin in Konfliktgebiete zu fahren. Bis heute habe ich das intensiviert und immer darauf geachtet, Schritt für Schritt vorzugehen und niemals unvorbereitet ins kalte Wasser zu springen, jedenfalls soweit man das planen kann…

Was denkst du ist für manch einen so reizvoll an der Konflikt-Fotografie?

Ich denke, wie in jedem anderen Beruf auch gibt es unter den Konfliktfotografen ebenso die Geld- und Karrieregeilen, die Idealisten, die Besonnenen und die Naiven. Und auch jene, die eher dem Gewalt- und Waffenfetisch zuarbeiten. Auf jeden Fall ist ein Kriegsgebiet eine extrem intensive Erfahrung, weil jede Banalität eine besondere Bedeutung bekommt. Man begegnet starken Emotionen aller Art. Die Frage nach Leben und Tod wird plötzlich greifbar und real, auch für einen selbst. Wenn man es erst mal rein in den Krieg geschafft hat, ist es leicht, Trauer, Wut, Hass, Leben und Sterben zu fotografieren. Wofür man in Mitteleuropa sehr sensible, gut vorbereitete Fotografen braucht, die so etwas im zivilen Leben abbilden können, da braucht es im Krieg bloß jemanden, der anwesend ist und schon kann er die existenziellen Dinge des Lebens fotografieren. Alles ist scheinbar einfach und birgt jede Menge Suchtpotential.

Was treibt so viele Jungfotografen in Krisengebiete, wie sollten sie deiner Meinung nach vorbereitet sein?

Viele denken, dass man mit Kriegsbildern eine flotte Karriere machen kann…wenn man es überlebt. Ich denke, dass viele junge Fotografen das Risiko ausblenden, ohne sich vorher ernsthaft darüber Gedanken gemacht zu haben, was da auf sie zukommt. Es ist nicht verkehrt, in solch einem Gebiet rational und nach vorne zu denken. Risiken müssen abgewogen und Entscheidungen getroffen werden. Und manchmal muss man sich den Gegebenheiten fügen, tief durchatmen und sich selbst die Daumen drücken, dass alles gut geht. Doch das ist etwas, dem eine intensive theoretische und praktische Vorbereitung vorausgehen sollte. Man sollte Kenntnisse über Waffenwirkungen mitbringen, Grundlagen des Survival drauf haben, körperlich fit bis sportlich sein und eine Ahnung davon haben, wie man in Extremsituationen reagiert. Ich habe ein halbes Dutzend Erste Hilfe-Kurse belegt, in denen es auch um Kriegsverletzungen ging. Für Deutsche sollte der Hammelburg-Kurs obligatorisch sein. Es gibt eine Menge Beispiele für Kolleginnen und Kollegen, die sehr jung und unerfahren in ihren ersten Krieg gezogen sind und es heute zu etwas gebracht haben. Ich würde aber jedem empfehlen, von dieser Form des Selbstmordversuchs abzusehen. Am besten nähert man sich solchen Situationen nach und nach und über längere Zeiträume. So kann man sich austesten und sehen, was noch geht und wo Schluss ist. Man kann sonst ganz schnell zerbrechen an Kriegserlebnissen oder dem unglaublichen psychischen Druck, wenn man alleine vor Ort ist. Da tut man sich und seinem sozialen Umfeld keinen Gefallen. Ein Adrenalinkick im Krieg ist nichts Schönes, denn er bedeutet in Lebensgefahr zu sein. Was das heißt, merkt man erst, wenn Granaten um einen herum explodieren und man plötzlich zweifelt, ob man den Tag noch überlebt und seine Lieben noch mal wiedersieht, bzw. im Stück nach Hause geliefert wird. Wie man daran Gefallen finden kann, weiß ich nicht. Ich muss solche Ereignisse einkalkulieren, aber ich versuche, sie so weit wie möglich zu umgehen, wenn ich mich in einem bewaffneten Konflikt bewege.

Glaubst du, dass die “Camera in Conflict” heute noch die Kraft hat etwas zu verändern?

Ich empfinde die Berichterstattung über Konflikte als journalistische Pflicht. Und was, außer Bilder liefern, sollte meine Kamera noch können? In Sachen Syrien ist es doch zunächst einmal wichtig, dass überhaupt unabhängige Berichte in die Öffentlichkeit kommen. Massive Staatspropaganda des Regimes und unprüfbares Material der Web 2.0-Generation Syriens standen sich lange alleine gegenüber. Journalisten war der Zugang offiziell verboten. Dann dort illegal reinzugehen, um ein halbwegs realistisches Bild aus einer bestimmten Region zu beschaffen, ist doch schon eine ganze Menge! Und wer erfolgreich über die allgemeinen Kampfbilder hinaus ein für sich stehendes Bild oder eine ganze Geschichte mitbringt, der hat gute Chancen auf Veröffentlichungen. Und die machen wenigstens einen Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung des Konflikts.

Ich kann den Menschen, die da tagtäglich massenhaft getötet werden, als Fotograf nicht zur Hilfe kommen. Ich fühle mit ihnen und es ist manchmal schwer auszuhalten, nur Beobachter zu sein. Aber das ist die Rolle, der ich mich verschrieben habe. Da darf ich nicht drüber hinausgehen. Damit wäre ich meinen Status los und machte mich journalistisch zu Recht angreifbar. Allerdings sollte man menschliches Verhalten deshalb nicht ablegen. Ich sehe aber auch, wie dankbar die Menschen sind, wenn man trotz der Gefahren zu ihnen kommt, um ihre Geschichte zu hören oder das Leiden für die “Welt da draußen” fotografiert. Das alleine ist es für mich schon wert, das zu machen. Ich kann es eigentlich nicht oft genug sagen: die Menschen stehen für mich im Mittelpunkt, nicht die Kämpfe.

Wie verarbeitest du deine Kriegserlebnisse?

Schwierig ist es, dass es kaum Menschen gibt, mit denen man sich hinterher austauschen kann. Das soziale Umfeld kennt gewöhnlich das Leben in Mitteleuropa. Dann kommst du und erzählst was von RPGs, die auf dich abgefeuert wurden und wie dir der Arsch auf Grundeis ging dabei. Darauf haben die wenigsten etwas zu erwidern, was einem irgendwie weiterhilft. Ich versuche nach anstrengenden Reisen der Zivilisation aus dem Weg zu gehen. Die Luxusprobleme hierzulande erscheinen mir nach einem Kriegserlebnis ohnehin als dermaßen absurd und nichtig, dass ich mich zurückziehe, für eine Weile. Dennoch könnte man an einen Punkt kommen, wo man das nicht mehr aushält, der psychische Druck vor Ort zu stark war und die Erlebnisse einen bis in die Träume verfolgen. Dann würden Beziehungen zerbrechen oder man müsste wohl zum Therapeuten. Wenn sich Derartiges abzeichnet, sollte man wenigstens eine Person um sich wissen, die einen sehr gut kennt und rechtzeitig deutlich machen kann: dass man ja wohl in dem Zustand nicht mehr weitermachen kann mit so einem Mist! Das ist wahnsinnig wichtig, sonst geht man drauf, bevor man es überhaupt merkt.

Bist du noch in der Lage deine Themen auch außerhalb von Krisengebieten zu finden und mit dem gleichen Enthusiasmus umzusetzen wie die Kriegsgeschichten?

Dieses Jahr begann für mich mit Krieg, weil ich mich für Syrien entschieden hatte. Vielleicht fahre ich ein drittes Mal, weil mich diese Tragödie wirklich sehr beschäftigt. Es kann aber genauso gut passieren, dass ich etwas gänzlich anderes zum Jahresabschluss mache. An Ideen für neue Projekte mangelt es mir eigentlich nie. Bei mir geht es da ganz grundsätzlich nur nach dem Lustprinzip, das ist meine Arbeits-Philosophie. Erst wenn mich ein Thema wirklich packt, es also nach Wochen des Vorsichtig-Andenkens noch immer für mich “funktioniert“, gehe ich es an und bin dann Feuer und Flamme.

Konfliktthemen im weiteren Sinne werden mich sicher auch zukünftig beschäftigen. Und das ist genauso spannend auf die ruhige Art. Letztes Jahr beispielsweise habe ich einige Wochen lang die wenigen Menschen begleitet, die zurückkehrten in die vor 20 Jahren im Bürgerkrieg verlassene kaukasische Stadt Shushi. Da geht es dann um Lehrerinnen, Kaffeesatzleserinnen oder Busfahrer und Müllmänner, die versuchen ihr Leben zu leben. Der Krieg in der Region ist noch nicht beendet, aber die Reportage läuft ganz ohne Schießereien ab und die Front ist Lichtjahre entfernt.

Sozial oder politisch brisante Themen sind jene, die mich interessieren. Ich werde mich sicher nicht so bald zum Landschafts- oder Reisefotografen entwickeln. Da fehlt mir einfach ein tiefes eigenes Interesse als Triebfeder, das anzupacken. Darüber hinaus sind meine Themen für mich meist keine Eintagsfliegen. Ich will dran bleiben und die Entwicklung über längere Zeit darstellen. Das war im Kaukasus so und ist in Syrien zur Zeit der Fall. Es dominiert also das Langzeitdenken und da passt dann nur schwerlich etwas anderes rein. Aber wenn eine Sache für mich abgeschlossen ist, dann macht es mir unglaublichen Spaß, mich etwas Neuem zuzuwenden und, nach langen Überlegungen und der öden Geldbeschaffung, erneut den Flieger zu besteigen, um endlich wieder loszulegen!

Wie schwierig ist es für dich als Fotograf zu (über-)leben und trotzdem die Freiheit über deine Fotografie zu behalten?

Das war einige Jahre lang wahnsinnig schwierig. Aber der Weg der Erkenntnis ist ja meist ein langwieriger. Nach nur zwei Jahren im Job hatte ich einen fiesen Burn-Out, der mich lange aus der Bahn geschubst hat. Das tagesaktuelle Arbeiten für Nachrichtenagenturen hatte mich total ausgelutscht. Immer mehr und immer schneller geht einfach nicht. Es folgten diverse wirtschaftliche Krisen, immer wieder, dass es mir irgendwann so vorkam, als wäre dieser ganze verdammte Job eine einzige große Krise. 2008 dann war das schwarze Loch so tief und schwarz, dass ich an den Punkt kam, die Brocken hinzuschmeißen, um mir endlich einen „richtigen Job“ zu suchen. Dann habe ich mich wochenlang zurückgezogen. Letztlich entschied ich mich dafür weiter zu machen, unter der Bedingung, nur noch das zu tun, was mir wirklich Spaß macht bzw. ich wirklich will. Von da an ging es nur noch bergauf! Die nächste Krise im Job kommt bestimmt, aber es macht mir keine Sorgen mehr.

Ein zufriedenes Leben ist hundert Mal mehr als die Summe aller verfügbaren Apps und Gadgets. Ich fahre gern ein kleines altes Auto und lebe in einem kleinen alten Haus am Wald, weil es mir ein halbwegs ruhiges Leben ermöglicht und einen Job, der doch der beste der Welt ist. Ich habe keine Lust mehr über die Schlechtigkeit der Medienwelt über Gebühr zu reden. Lösungen müssen her, wie wir Fotografen in dieser wirtschaftlichen Situation noch leben und auch in Zukunft noch so gute Arbeit abliefern können. Das heißt, wir müssen unser Leben so einrichten, dass noch Raum und Zeit für Ideen und deren Umsetzung bleibt. Wenn ich nicht mehr den sauer zu verdienenden Kröten bei Nachrichtenagenturen hinterher renne, wenn ich aus der Tretmühle des Jammerns ausbreche, habe ich Zeit ein eigenes Projekt zu realisieren. Das schafft vielleicht nicht auf Anhieb einen finanziellen Ausgleich, aber wenn man gute Arbeit macht, wird sich das über kurz oder lang auszahlen: in Geldwerten, neuen Kontakten und Bekanntheitsgrad. Was will ich denn noch mehr…?

Es gibt nichts was du dir noch wünschst?

Was wirklich fehlt sind Stipendien für Fotojournalisten jeden Alters. Geldquellen für gute Projekte abseits des Mainstream sind extrem rar gesät. Kreativität muss aber gefördert werden, damit dieser Beruf langfristig überlebt. Dass sich das lohnt, kann man ja alle zwei Jahre auf dem Lumix-Fotofestival betrachten. Also, Stipendien für alle. Dann beantrage ich eines pro Jahr und mache wirklich nur noch, was ich will! Nur mit finanziell geringerem Risiko. Wo hatte ich da gerade noch einen Stifter gesehen?

Danke, Timo, für das Gespräch und viel Glück für die Zukunft.

– TL – 

Menü