Janine Graubaum

Kosmos Train

Tausende Kilometer mit der Eisenbahn von Albanien bis Weißrussland: Wie der Charme alter Sowjetzüge einen immer wieder in seinen Bann ziehen kann. Eine Erzählung vom Reisen durch den Osten Europas.

Wo die Vögel nicht aufhören zu singen

Ein Essay von Diana Laarz

Meine erste längere Zugfahrt in Osteuropa unternahm ich Ende Juli 2010. Es muss so gewesen sein, denn so steht es in meinem Reisetagebuch. Ich war kurz zuvor nach Moskau gezogen. Es war der Abend eines Hochsommertages, der Zug hatte schon viel zu viele Stunden auf den Schienen gestanden und in der Sonne gebrütet. Meine Reisegefährten und ich schätzten die Temperaturen im Waggon Nummer drei auf 40 bis 60 Grad.

So schrieben wir dann in unserem Tagebuch von unstillbaren Schweißbächen, die selbst ganze Klopapierrollen nicht aufhalten konnten, von zu kurzen Betten und Füßen, die in den Gang ragten, von den Gurten, die die oberen Liegen sicherten, und die uns nicht vertrauenswürdig schienen.

Wir fuhren von Moskau nach Karelien, einer Halbinsel sehr weit im Norden im Weißen Meer. Eine ganze Nacht lang und einen ganzen Tag. Es wurde ein toller Urlaub. Am liebsten erinnern wir uns noch heute an die Zugfahrt.

Ich bin danach noch häufig auf den Schienen Osteuropas unterwegs gewesen. Ich fuhr in Usbekistan von Buchara nach Taschkent. Um fünf Uhr morgens, eine Station vor unserem eigentlichen Reiseziel, schlichen der Fotograf und ich uns aus dem Abteil. Wir wollten die Mitarbeiter des Geheimdienstes abschütteln, die uns beschatteten. Ich bin bis heute nicht sicher, ob es uns gelungen ist.

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Ich fuhr in einem Luxusabteil der Transsibirischen Eisenbahn mit ein paar Modelscouts von Nowosibirsk bis Jekaterinburg. Jeden Abend saßen wir auf gepolsterten Liegen zusammen und betrachteten auf Bildern die Ausbeute des Tages. Sie suchten das perfekte Gesicht, ich suchte nach Worten, um diese Männer zu beschreiben.

Ich fahre jedes Jahr von Bukarest in ein rumänisches Dorf, um eine Familie zu besuchen. Und wenn die Bahnstationen statt Namen nur noch Nummern tragen und Kinder wie losgelassene Pferde neben den Zügen herrennen, weiß ich, dass ich meinem Ziel sehr nahe bin.

Als Journalistin auf Recherchereise bin ich immer lieber in den Zug statt in ein Flugzeug gestiegen. Das Fliegen reißt den Menschen fort von einem Ort, überwindet große Strecken scheinbar mühelos, setzt den Reisenden unvorbereitet an seinem Ziel ab, manchmal gleichsam einer Landung auf einem fernen Planeten.

Der zurückgelegte Weg wird spürbar, erfahrbar, die Welt rückt wieder etwas auseinander.

Wenn ich mich dem Ziel langsam nähere, ist das Ankommen nicht so schmerzhaft. Aus dem Zugfenster beobachte ich, wie die Landschaft sich verändert, wie ich Städte und Dörfer hinter mir lasse, wie die Nacht behutsam den Tag ablöst. Der zurückgelegte Weg wird spürbar, erfahrbar, die Welt rückt wieder etwas auseinander.

Ich weiß noch, wie mich die ersten Zugreisen packten. Die riesigen Bahnhofshallen in Moskau, durch die im Winter der Dampf der Lokomotiven wie zäher Nebel kriecht. Das Rumpeln der Züge über die Schwellen. Der Geruch von kaltem Rauch, altem Leder und Wurstbrotstullen.

In den Schnellzügen Westeuopas fühlt man sich oft wie abgehoben, eingepackt in einer Komfortzone. Windschnittig und elegant. Osteuropas Eisenbahnen sind älter, archaischer. Schwere Stoffe, blanker Stahl, ein Wunder, wie dieser Koloss sich polternd in Bewegung setzt.

Und dann kommt kurz nach der Abfahrt die Schaffnerin in Uniform in das Abteil. Sie serviert Tee aus diesen Gläsern, die man nur ehrfurchtsvoll in die Hand nimmt. Sie sehen noch aus wie zu Zarenzeiten. Wenn ich Tee schlürfend in den Zügen sitze, fühle ich mich zurückversetzt in eine Zeit, die ich nie kennengelernt habe.

Es passiert auch, dass ich mich an Wenedikt Jerofejew erinnere, den Autor und Ich-Erzähler, der Russlands wohl berühmteste literarische Zugfahrt unternahm. „Wenja“ fährt – übrigens keinen Tee, sondern nur Hochprozentiges schlürfend – von Moskau nach Petuschki, so auch der Titel des Buches. Sein Ziel: Ein Ort, „wo die Vögel nicht aufhören zu singen, weder am Tage noch bei Nacht, wo sommers wie winters der Jasmin nicht verblüht.“ Wer träumt nicht von so einer Ankunft.

Mit den Jahren ist mir das Zugreisen auch zur Gewohnheit geworden, das Exotische verblasste ein wenig. Ich kann heute eine obere Liege eines Dritte-Klasse-Abteils ebenso schnell mit Bettwäsche beziehen wie die einheimischen Mitreisenden. Ich wundere mich nicht mehr, wenn die anderen kurz nach der Abfahrt in Jogginganzüge und Pantoffeln schlüpfen, um den Rest der Fahrt wie auf dem Sofa im eigenen Wohnzimmer zu verbringen. Mein Speiseplan hat noch nicht die Raffinesse diverser Familienmütter erreicht, aber ich decke mich routiniert auf dem Bahnsteig mit Snacks ein und rühre Tütensuppen mit dem zugeigenen Samowar an.

Zugfahren, das wird während dieser endlosen Stunden klar, ist in Osteuropa eben nicht nur Tradition und Abenteuer. Es ist eine praktische Notwendigkeit. Vor allem für diejenigen, die viel Gepäck haben oder sich den Flug nicht leisten können. Eine Fahrt von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe nach Moskau kostet 120 Euro in der Holzklasse. Das sind 4500 Kilometer in 95 Stunden. Dafür muss man dann bei längeren Zwischenstopps eben im Kollektiv auf dem Bahnsteig antreten: Knie- und Rumpfbeugen machen, damit das Blut in Bewegung bleibt.

Die Züge sind am Ende wenigstens pünktlich. Wirklich immer. Das könnte auch daran liegen, dass für ihre Fahrten sehr viel Zeit vorgesehen ist. An manchen Stationen stehen sie eineinhalb Stunden. Diese Form der Entschleunigung erfordert von den Passagieren ein gehöriges Maß an Ignoranz gegenüber dem Ticken der Uhr.

Am Ende sind es sowieso immer die Momente, Beobachtungen in Sekundenbruchteilen, die bleiben. Eisblumen am Fenster. Geräucherter Fisch auf Stangen, am Bahnsteig zum Verkauf angeboten. Aneinandergeschmiegte Paare auf schmalen Pritschen; Mann und Frau, Mutter und Kind.

Am liebsten habe ich den Moment des Aufwachens. Wenn das erste Licht durch die blinden Scheiben fällt, das sanfte Wiegen des Waggons den Schlaf noch kurz verlängert. Bis das Rattern an mein Ohr dringt, und ich – die Augen noch geschlossen – weiß: Ich bin im Zug. Ein guter Ort, um den Tag zu beginnen.

Der Bildband Kosmos Train” ist im Juli 2016 bei Peperoni Books erschienen und über die Website www.kosmos-train.de oder direkt bei Peperoni Books erhältlich.

Janine Graubaum (*1984 in Berlin) fotografiert seit ihrer Jugend. 2009 machte sie ihren Abschluss als Fotodesignerin am Lette-Verein. Seitdem ist sie als Fotografin sowohl für Dokumentationen und Reportagen als auch im werblichen Bereich der People- und Lifestylefotografie tätig. Für “Kosmos Train” wurde sie mit Gold bei den GoSee Awards 2017 ausgezeichnet. 

www.janinegraubaum.com

Diana Laarz  (*1982) wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf und entdeckte während des Studiums ihre Leidenschaft für Osteuropa. Jahrelang bereiste sie die Länder jenseits der Oder und ließ sich schließlich für vier Jahre als Korrespondentin deutscher Magazine in Moskau nieder. Sie recherchierte in fast allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion und war dabei oft mit dem Zug unterwegs. Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland Anfang 2014 arbeitet Diana Laarz als freie Journalistin und Redakteurin des Magazins GEO.

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