Auf meiner großen Insel

Auf meiner großen Insel

von Lioba Keuck & Helena Schätzle

Für die einen ist Europas Süden Ruhesitz oder Hippieparadies, für die anderen herrscht dort nach der Flucht nur Fremdheit und Leere. Eine Spurensuche

Südspanien, das Mittelmeer und Portugals Süden – wie kaum eine andere europäische Region sind diese Landschaften mit den unterschiedlichsten Träumen und Vorstellungen von persönlichem Glück verknüpft. Für die einen versprechen sie Sonne, Wärme, ein neues Lebensgefühl. Für andere verkörpern sie die Hoffnung auf ein besseres Leben, einen Arbeitsplatz oder auch nur ein Dasein ohne Angst. Was wiegt mehr für die Entscheidung zu gehen: die Furcht vor der Situation, die man zurücklassen möchte, oder die Hoffnungen, die man in den Ort setzt, den man erreichen will?

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Seit Mitte der 80er-Jahre verzeichnen Portugal und Spanien einen stetigen Zustrom von Menschen, die auf der Suche nach alternativen Lebensformen oder einem Ruhesitz in angenehmen klimatischen Verhältnissen sind. Inzwischen leben an die 200 000 Deutsche in diesen beiden Ländern. Gemeinsam mit Engländern und Franzosen stellen sie einen großen Anteil der ausländischen Bevölkerung. Komplette Ortschaften sind dadurch mittlerweile eingedeutscht oder britannisiert worden. In­frastruktur und Sprache passen sich den neu Hinzugezogenen an. Zu finden sind deutsche Bäckereien, Irish Pubs, Crêperien oder russische Supermärkte.

Heute sind es vor allem Menschen aus Nordafrika oder Osteuropa, die ihren eigenen Träumen und globalen Versprechungen folgen

Die kaum versiegende Nachfrage nach Arbeitskräften in den Monokulturen des Landes sowie im Tourismus verbreitet Hoffnung auf ein finanziell gesichertes Leben. Oftmals soll mit dem verdienten Geld auch die zurückgebliebene Familie mitversorgt werden. Während in den 80er-, 90er-Jahren noch überwiegend aus den postkolonialen Ländern nach Portugal und Spanien emigriert wurde, sind es heute vor allem Menschen aus Nordafrika oder Osteuropa, die ihren eigenen Träumen und globalen Versprechungen folgen. Für jeden Auswanderer sind die Mauern jedoch unterschiedlich hoch. Die einen können sich mittels der sogenannten Unionsbürgerschaft ohne Probleme niederlassen und Arbeit aufnehmen, andere sind auf finanzielle Rücklagen angewiesen. Manche haben es aufgrund internationaler Verträge oder postkolonialer Bestimmungen leichter, an Aufenthaltsgenehmigungen zu kommen, während andere bei der Überquerung der Grenzen ihr Leben aufs Spiel setzen müssen. Die einen werden willkommen geheißen, die anderen weitestgehend ignoriert oder geduldet, solange sie sich still verhalten. Für die einen erfüllt sich der Traum vom Auswandern, für viele bleibt in der neuen Heimat nur Fremdheit und Leere. stop

Nafeth aus Jordanien hat die USA (wegen der Hurrikans) und Deutschland (wegen der Kälte) verlassen, bevor er Anfang der Nullerjahre in Südspanien seinen Ort fand. Er mag das mediterrane Klima und findet die Menschen hier sympathisch. Außerdem könne er mit dem von ihm eröffneten Restaurant bei entsprechend viel Arbeit auch viel Geld verdienen. Seine vier Kinder zwischen 7 und 31 Jahren leben bei ihm und seiner Frau, die jüngeren besuchen die internationale Schule.

Auf einem Stück Land in der Nähe eines Dörfchens in der Algarve haben sich Ella und Hans (Namen geändert) mit ihren beiden Kindern und einer weiteren Familie niedergelassen. Ihr Reich ist einfach, aber fantasievoll. Mit den Kindern leben sie in Wohnwagen und selbstgebauten Häusern, sie halten Pferde und Ziegen. Abwechselnd arbeiten sie in einer Pizzeria und verkaufen selbst gemachten Käse. In der Region kennt sie jeder als »die deutschen Punks«.

Jonas’ Europa-Tour im ausgebauten Mercedes-Bus endete in Südspanien, dort blieb er mit seiner Freundin hängen. Seit acht Jahren bewirtschaftet der Deutsche nun in der Nähe von Granada eine Finca mit vielen Hektar Land (zu Erntezeiten beschäftigt er etwa 30 Arbeiter aus der Region); Jonas’ biodynamisch angebautes Olivenöl gilt auf dem deutschen Markt als eines der besten. Die Tochter besucht die Dorfschule und wächst, natürlich, zweisprachig auf.

Im Abendlicht geht Rob am Strand von Marbella spazieren, einer seiner drei blauäugigen Hunde ist immer dabei. Es sei gesellig, man kenne sich, eine internationale Atmosphäre sondergleichen – und sehr, sehr liberal, schwärmt Rob. Menschen aus 137 Nationen leben in Marbella, seit 2007 wohnt der 46-jährige Niederländer zusammen mit seinem Partner Leonard im mondänen Küstenort. Selten würden sie als homosexuelles, verheiratetes Paar schräg angeschaut. Das Geld für ein sorgenfreies Leben im Penthouse mit Palmen hat Leonard als Zahnchirurg schon in den Niederlanden verdient, Rob arbeitet als Künstler und organisiert Events.

Jean-Claude hat seine Frau 1975 auf Reisen in Marokko kennengelernt und folgte ihr dann in ihre Heimat Portugal. Auf einem Stück Land nahe Lagos bauten sie sich ein kleines Haus und legten einen großen Garten an. Heute sind die beiden getrennt, ein zweites Gebäude wurde auf dem Gelände gebaut. Jetzt hat jeder sein eigenes Refugium, das sie inzwischen wieder mit der gemeinsamen Tochter teilen. Jean-Claude lebt von Kunsthandwerk mit Bambus.

Leon und Joëlle stammen aus Polen und Frankreich. Nachdem sie den Holocaust überlebt hatten, führte sie das Schicksal an viele Orte der Welt. Eine Weile wohnten sie in den USA, in den vergangenen 30 Jahren in Marbella. Jetzt sei es Zeit für eine Rückkehr nach Amerika, sagen die beiden, dort wollen sie sich zur Ruhe setzen.

Faye und Moussa aus dem Senegal sind am Paseo Marítimo, der Strandpromenade Marbellas, ständig die Gehetzten. Der Verkauf von Sonnenbrillen, Schmuck oder Uhren ist illegal, bei jeder Patrouille der Polizei muss alles schnell eingepackt und versteckt werden. Seit vier Jahren leben die beiden Um-die-30-Jährigen in Marbella, über ihren Weg hierher wollen sie nicht sprechen. Dass in Afrika ein völlig anderes Bild von Europa vermittelt wird als ihre jetzige, gnadenlose Realität, macht ihnen sehr zu schaffen. Halt gibt ihnen nur die große Community der Schicksalsgenossen.

Obra heißt auf Portugiesisch Bau, genauso wie auf Spanisch. Man kennt es auch gut in Osteuropa: Es verspricht eine der einfachsten Arten, im Süden und Westen ohne Sprachkenntnisse Geld zu verdienen – mehr als zu Hause, aber für ein Vielfaches an Arbeitszeit. Vor 13 Jahren sei er deshalb hergekommen, sagt Vladimir, den ganzen Körper voller Baustellenschmutz. Auch wenn es heute schwieriger geworden sei, hielten sie es noch aus, die Freundinnen und Ehefrauen sind aus der Ukraine nachgezogen. Inzwischen wurden auch die Kinder im Grenzstädtchen Vila Real de Santo António geboren.

Lioba Keuck, geboren 1983 in Duisburg, studierte Kunst an der Akademie in Münster und Fotodesign mit Schwerpunkt Fotojournalismus an der Fachhochschule Dortmund. Ihre Arbeit Couve e Coragem über die informellen Gemüsegärtner von Lissabon wurde unter anderem bei Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie 2013 / 14 ausgezeichnet. Keuck lebt in Berlin und Lissabon
www.liobakeuck.de

Helena Schätzle, geboren 1983 in Zell am Harmersbach im Schwarzwald, studierte Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie an der Kunsthochschule Kassel und bis 2010 an der Fachhochschule Hannover. Zurzeit beschäftigt sie sich mit Traumata von Holocaustüberlebenden in Israel und mit Gewalt an Frauen in Indien. Schätzles Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, vertreten wird sie von der Agentur laif
www.helenaschaetzle.de

Diese Story erschien erstmals in emerge 01 – Migration

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Format: 23,5 x 31cm
Seiten: 120
Abbildungen: 107
Sprache: Deutsch
Auflage: 1000
Erscheinungsdatum: 2015
Druckverfahren: Offset-Druck
Bindung: Fadenbindung
Papier: Luxoart Samt 135g/m²
ISSN: 2364-6713
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