Martin Schlüter

Schweigen im Schnee

Nach Jahrzehnten des Schweigens bekommen einige Eskimos nun endlich Entschädigung für jahrelangen Missbrauch durch Kirchenmitarbeiter. Gewalt, Drogenabhängigkeit, soziale Abschottung, Wut und Angst aber bleiben.

Über 350 Eskimos haben in Alaska in den vergangenen Jahren die katholische Kirche und ihre Institutionen verklagt – weil sie während ihrer Kindheit von Kirchenmitarbeitern sexuell missbraucht worden sind. Nirgendwo auf der Welt ist das Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs durch katholische Priester so hoch wie in den nur per Flugzeug oder Schiff erreichbaren Eskimo-Dörfern an der Westküste Alaskas.

Was die Eskimos in ihrer Kindheit und Jugend in den 1960er und 1970er Jahren erleben mussten, prägt ihren Alltag auch heute noch. Viele von ihnen sind noch immer – obwohl längst im Erwachsenenalter – traumatisiert. Häusliche Gewalt, Drogenabhängigkeit, Antriebslosigkeit, soziale Abschottung, Wut und Angst kennzeichnen das Leben vieler Eskimos. Jahrzehntelang haben die Opfer geschwiegen, aus Schamgefühl oder aus Angst vor Repressalien. Manche von ihnen ahnten nicht einmal, dass es im gleichen Dorf weitere Opfer gab.

Ende 2007 einigten sich der Jesuitenorden und 110 klagende Eskimos auf Entschädigungszahlungen in Höhe von 50 Millionen Dollar. Niemals zuvor musste ein Orden eine derart hohe Entschädigungssumme aufbringen. Der katholische Bischof von Alaska, Donald J. Kettler, wurde zudem gerichtlich aufgefordert, sich persönlich in allen betroffenen Eskimodörfern im Namen der Kirche zu entschuldigen. Im Dezember 2010 besuchte Bischof Kettler das Dorf Saint Michael an der Bering See. In St. Michael sind auch die hier gezeigten Bilder entstanden.

Die gesamte Reportage mit einem Text von Dimitri Ladischensky erschien ursprünglich im Magazin MARE, Ausgabe Nr. 85, im April 2011.

Martin Schlüter, Jahrgang 1977, studierte nach dem Abitur Kommunikationsdesign in Dortmund, Wolverhampton und Hannover. Nach dem Studium und diversen Assistenzen lebt er heute in Hamburg und arbeitet als selbstständiger Fotograf im Auftrag von Redaktionen, Unternehmen und Werbeagenturen im In- und Ausland.

www.martinschlueter.com

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Maria Kastner
    18. Januar 2012 20:36

    Eine sehr gelungene Reportage, meiner Meinung nach.
    Auf verdrängte Geheimnisse aufmerksam zu machen ist gut.
    Die Fotos haben eine gewisse Melancholie und Magie.
    Grüße aus Berlin.

  • Ich habe die Reportage ursprünglich im MARE Magazin entdeckt und war und bin zutiefst berührt. Grossartige Fotos, die von grossem Einfühlungsvermögen zeugen. Ich bin total begeistert von dieser wunderbaren Bildstrecke. Ganz grosses Kompliment!

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