Sebastian Wells

Olympia

Die Sommerspiele der 31. Olympiade in Rio de Janeiro bleiben als Spielfeld politischer und wirtschaftlicher Interessenkämpfe auf dem Rücken der Bevölkerung im Gedächtnis. Als Spektakel der Kontroversen.
Alle Fotografien von Sebastian Wells

Text Noura Mahdhaoui

In den Favelas Rio de Janeiros, jenseits der reichen Viertel Ipanema oder Leblon, ging mit der Ausrichtung der Sommerspiele 2016 eine Phase großer städtebaulicher Veränderungen zu Ende. Diese führte zur Privatisierung öffentlicher Räume und Dienste und zu einer erheblichen Steigerung der Lebenshaltungskosten. Besonders ärmere Gesellschaftsschichten wurden Opfer zahlreicher Bürgerrechtsverletzungen. Alle noch so fraglichen urbanen Eingriffe wurden unter dem Deckmantel von Olympia durchsetzbar.

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Die „Unidade de Polícia Pacificadora“, die Befriedungspolizei sollte Kriminalität und Drogenhandel in den innerstädtischen Favelas mit Nähe zu Flughäfen, den Stadien und Stränden bekämpfen. Sie versprach mehr Sicherheit für Rios Bevölkerung. Mit Gewalt wollte sie für Frieden sorgen.

Rio wollte für Touristen und Sportfans aus aller Welt, aber auch für Investoren, nach außen glänzen. Die Errichtung neuer Stadien und Sporthallen kostete die Stadt Millionenbeträge – ärmere Bevölkerungsgruppen wurden in Neubaukomplexe am Stadtrand umgesiedelt, außer Sichtweite. Es galt das Stadtbild aufzupolieren. „Minha Casa, Minha Vida“ – „Mein Haus, mein Leben“ nannte sich zynisch das staatliche Sozialwohnungs-Programm, das dazu führte, dass laut Schätzungen 100.000 Menschen von ihrem Wohnort vertrieben wurden.

Die aufgeheizte Stimmung, die Veruntreuung öffentlicher Gelder zugunsten des Profits privater Unternehmen und die Verletzung demokratischer Werte und der Rechte der Bevölkerung schürten Misstrauen und ließen Präsidentin Dilma Rousseff und ihre Politik in Verruf geraten. Im Frühsommer 2016 leitete der Senat ein Amtsenthebungsverfahren gegen sie ein und enthob sie kurz nach Ende der Olympischen Spiele endgültig aus ihrem Amt. Rousseff selbst sprach von einem Putsch.

Olympia für wen?

So prägten schon vor den Spielen Unmut und Empörung die Stimmung der Bevölkerung an der Copa Cabana und brachten tausende Menschen auf die Straßen: „Olimpiadas para quem“- „Olympia für wen?“

Ganz entgegen des olympischen Credos „Dabei sein ist Alles“ brachten die Spiele mehr Exklusion als Inklusion in die Stadt am Zuckerhut. Auch während der Spiele war die Ausgrenzung zu spüren. Nur die wenigsten BrasilianerInnen konnten sich den Eintrittspreis zu den sportlichen Veranstaltungen leisten. Bei 1.113 Reais, umgerechnet etwa 258 Euro Durchschnittsverdienst und Ticketpreisen zwischen 40 und 4.600 Reais, also 13 bis 1500 Euro, blieben die Zuschauertribünen oft leer.

Und nicht nur bei den sonst so sportbegeisterten BrasilianerInnen war die Stimmung getrübt. Weltweit berichteten die Medien von Dopingskandalen PuTTY SSH Windows , heruntergekommenen Schlaf- und Wohnräumen im Olympischen Dorf, verunreinigten Schwimmbecken und unzumutbaren Sicherheitszuständen. Selten stand eine sportliche Großveranstaltung medial so unter Beschuss.

Das Image der Spiele war angekratzt. Das konnte auch die fulminante Eröffnungsveranstaltung mit 80.000 Zuschauern nicht übertünchen: Feuerwerk, Lasershow, hunderte Akrobaten und Tänzer vor den Kameras der ganzen Welt. Und Topmodel Gisele Bündchen, als nationale Ikone gefeiert, schritt in goldener Robe zu Tom Jobims „The Girl from Ipanema“ unter tosendem Applaus durch das Stadion.

Der Fotograf Sebastian Wells zeichnet mit nüchternem Blick sein eigenes Bild der Spiele. Ein klares, unaufgeregtes Bild, fernab von Skandal und Pomp.

Sebastian Wells  (*1996 in Königs Wusterhausen) lebt und arbeitet als freier Fotograf in Berlin. Schon schon als Schüler entdeckte er mit der Kamera die Sportplätze der Hauptstadt und studierte bis 2018 Fotografie an der Ostkreuzschule.

www.sebastianwells.de

Noura Mahdhaoui (*1989 in Berlin) studierte Kulturwissenschaft und französische Philologie in Berlin und Paris. 2010 kam sie während ihres Studiums zum Journalismus. Sie ist seitdem für Print, mit Veröffentlichungen in der Wiener Zeitung, dem Gap-Magazin und der taz, und öffentlich-rechtliches Fernsehen in Frankreich und Deutschland tätig.

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