Marija Mihailova

Bylina

Der Alltag in Belarus ist oft von Angst und Unsicherheit geprägt. Aber die Menschen arrangieren sich und schaffen ganz eigene Räume und Welten märchenhafter Schönheit.

Belarus, besser bekannt unter dem Namen Weißrussland, ist seit dem Untergang der Sowjetunion im Jahr 1991 unabhängig. Auch unter dem neuen Machthaber Alexander Lukaschenko ist politischer Autoritarismus Normalität. Besucht man das Land, wird man unweigerlich in eine andere Zeit versetzt. Ein Gefühl tritt ein, als befinde man sich in einem überdimensionierten Museum der Sowjetunion. Neben den Überresten vergangener Tage schießen Neubauten in den Himmel, teure Geländewagen rollen über die Straßen. Ein groteskes Bild, in dem zwei Realitäten aufeinanderprallen. Kontraste, die unvereinbar scheinen.

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Wie ein Schleier liegt eine allgegenwärtige Unsicherheit über der Gesellschaft in Belarus. Die Menschen sind in eine den Alltag durchdringende Passivität gezwungen, aus Angst. Sie arrangieren ihr Leben unter den misslichen Bedingungen und flüchten sich oft in eine parallele Wirklichkeit.

Auch in Minsk, der Hauptstadt, ist die Atmosphäre ähnlich der eines Museums. Die Menschen verhalten sich ruhig, unauffällig und bedächtig. Gespräche fallen auf, sie stellen eine Ausnahme dar. Gleichzeitig aber spürt man hinter der Fassade eine Angespanntheit und Aggressivität, die sich oft auch auf das alltägliche Zusammenleben überträgt. Menschen lächeln einander kaum an und es herrscht ein rauer Ton im Alltag, ob auf der Straße, im Einkaufszentren oder im Restaurant. Ein freundlicher Umgang rückt in Anbetracht der politischen Lage mehr und mehr in den Hintergrund. Umgeben von sozialer Kälte wird die permanente Unsicherheit noch deutlicher. Wie ein Mantra brennt sich das Gefühl der Überwachung in die Köpfe der Menschen, eine dauerhafte Furcht vor möglichem Fehlverhalten und den negativen Konsequenzen.

»Die politische Autorität und Macht im Gegensatz zu den alltäglichen Bedürfnissen der Menschen erinnert an den Widerstand der Helden gegen das Böse in der Erzählung Bylina.«

Doch inmitten der Isolation und Passivität erschaffen die Menschen in Belarus einen sozialen Raum, eine Parallelwelt, in der über Politik geschwiegen wird. Für viele ist es längst keine Option mehr, sich gegen  die Staatsmacht und allgegenwärtige Kontrolle aufzulehnen. Die Furcht vor dem Gefängnis ist zu groß.

Das Leben in Belarus ist auf eine ähnliche Weise geprägt von der realen und der Traumwelt. Auch in der heutigen Gesellschaft ist die sowjetische Vergangenheit noch immer präsent und bildet einen festen Bestandteil der Gegenwart. Die politische Autorität und Macht im Gegensatz zu den alltäglichen Bedürfnissen der Menschen erinnert an den Widerstand der Helden gegen das Böse in der Erzählung Bylina. Das Heldenhafte dabei ist das Durchhaltevermögen, der Alltag unter den vorherrschenden politischen Bedingungen. In andauernder Unterdrückung und Überwachung arrangieren die Menschen in Belarus ihr privates Leben und erschließen sich ganz eigene Räume und Welten märchenhafter Schönheit.

Marija Mihailova (*1988 in Lettland) zog mit ihrer Familie 1998 nach Deutschland. Sie machte eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin und studierte Fotografie am Lette Verein in Berlin. Sie lebt und arbeitet als freie Fotografin in Berlin.

www.marijamihailova.com

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