Marcel Maffei

Living on the Line of Fire

Mehr als vier Jahre dauert der Konflikt im ukrainischen Donbas mittlerweile an. Unweit der Frontlinie um die besetzte Stadt Donezk haben die Menschen gelernt, ein Leben in ständiger Angst zu führen.

Im November 2015 reiste Marcel Maffei im Donbas durch umkämpfte Siedlungen, geteilte Städte und die vielfach brachliegende Kultur- und Industrielandschaft. Seine Fotografien ermöglichen Einblicke in obskure Landschaften, die Atmosphäre und Stimmung in der Ostukraine. Sie beleuchten den Langzeitkonflikt aus einer anderen Perspektive, erzählen von den Lebensbedingungen derjenigen, die nicht aus dem Gebiet geflohen sind – entweder, weil sie nicht konnten, oder weil sie nicht wollen.

Nachdem ihr Haus von einer Granate getroffen wurde, hat Mariyas Tochter alles zurückgelassen und ist geflohen.
© Marcel Maffei

Aufgrund seines großen Kohlevorkommens war der Donbas, oder Donezbecken (Donezkyj basejn), seit mehreren Jahrhunderten eine wichtige Bergbau- und Industrieregion im Grenzgebiet zwischen der Ostukraine und Westrussland. Im Anschluss an die Proteste des Euromaidan kam es im Frühjahr 2014 zum prorussischen Separatismus. Dieser mündete in die Annexion der Krim und den Ausbruch militärischer Auseinandersetzungen mit dem ukrainischen Militär im Donbas. Seitdem herrschen dort bürgerkriegsartige Zustände. Die Separatisten haben die Volksrepubliken Donezk und Luhansk ausgerufen und kontrollieren das Gebiet mit Russlands Unterstützung. Etliche Waffenruhen scheiterten, die ohnehin angeschlagene Industrie und Infrastruktur ist fast zum Erliegen gekommen.

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Sergiy, ehemaliger Taxifahrer, steht im Keller, den er mit seiner Familie als Schutzraum nutzt. Das zerstörte Haus versucht die Familie mit Unterstützung einer NGO wieder aufzubauen.
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In der Nähe des Dorfes Halytsynivka steht ein Schild, das vor Minen warnt. Während der gesamten Reise des Fotografen war es das einzige derartige Schild.
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Vasily sitzt auf der Einstiegsluke zu seinem Keller, den er seit Beginn des Konflikts als selbstgebauten Bunker nutzt. Er lagert darin Essensvorräte, mit denen er und sein Sohn mindestens zehn Tage überleben könnten.
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Bei der Durchquerung der Grey Zone musste der Konvoi so schnell wie möglich fahren. Auf beiden Seiten der Straße lagen immer wieder ausgebombte Wohnhäuser. Früher sei dies eine schöne und ruhige Kulturlandschaft gewesen, erklärt ein Soldat.
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Neliya lebt in Marjinka, einer geteilten Stadt im Donbas. Der eine Teil wird von ukrainischen Streitkräften kontrolliert, der andere von Separatisten der Volksrepublik Donezk (DNR).
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Eine Bombe detonierte in Neliyas Garten, mit Glück blieb ihr Haus unversehrt. Ihr Hund "Junge" wurde bei der Explosion allerdings verletzt.
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Oliya stammt aus Vodiane, einem Dorf nahe des heftig umkämpften Flughafens von Donezk. Nach andauernden Kämpfen floh ihre Familie. Jedes Wochenende besucht Oliya ihre Großmutter, die noch immer in Vodiane lebt. Angst habe sie keine.
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Im Frühjahr 2015 wurde Gafar (6) im Schlaf von dem Splitter einer Granate getroffen, die vor dem Haus explodierte. Seitdem befindet er sich in einem Schockzustand; er redet kaum noch, bei lauten Geräuschen bekommt er Angst.
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Kurz nachdem der Panzer seinen Parkplatz für eine Patrouille an der Front bei Nevelske verlassen hatte, tauchten Ziegen auf, um die grünen Blätter der Büsche zu fressen.
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In weiten Teilen von Krasnohorivka funktionieren weder Strom noch Heizung, es ist drinnen wie draußen eiskalt. Der kleine Laden hat trotzdem geöffnet. Yuliya, eine Freiwillige des UNHCR, im Gespräch mit einem Jungen.
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Nelli war früher Bäuerin in Nevelske. Während des Besuchs zeigt sie das handgemachte Geschenk ihres Enkels, der auf der Krim lebt. Seit Ausbruch des Krieges hat sie ihn nicht mehr gesehen.
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Auf einem Tisch von Nelli befindet sich ein Schrein mit Heiligenbildern und Blumen. Unter den Blumen liegt ein Brief mit Wünschen und Ideen für ein Leben nach dem Krieg.
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Wie die meisten Menschen in der Region hat auch Nelli eine "Notfalltasche" für den Fall, dass ihr Dorf angegriffen wird: Medizin, Geld, ihre Dokumente und ein paar Anziehsachen liegen stets in einer Handtasche bereit.
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Svetlana im Wohnzimmer ihres Hauses. Sie lebt immer noch in Pesky, einem Ort in Sichtweite des schwer umkämpften Flughafens von Donezk.
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Wenn der Strom funktioniert, bietet das Fernsehen für Kinder eine Möglichkeit, wenigstens für kurze Zeit die misslichen Umstände zu vergessen.
© Marcel Maffei

In letzter Zeit ist die Ukraine weitestgehend aus den Nachrichten verschwunden, obwohl die Konfrontation zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten nach wie vor andauert. Der jahrelange Konflikt im Donbas hat seine Spuren hinterlassen in Mensch und Natur und ist gleichzeitig zum Alltag geworden. Dass es sich um ein Kriegsgebiet handelt, lässt sich daher teilweise erst auf den zweiten Blick erkennen, macht das Leben der Bewohner in der sogenannten Grey Zone aber nicht weniger gefährlich. Doch warum verlassen die Menschen den Donbas nicht?

Während heftiger Kämpfe im Frühjahr 2015 wurde das Wohngebäude stark beschädigt. Die meisten Bewohner blieben noch bis zum Sommer, mittlerweile steht das Gebäude völlig leer.
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Am Checkpoint in Karlivka, dort wo die Autobahn nach Donezk führt, befindet sich der letzte Lebensmittelladen, der noch in Betrieb ist.
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Es ist eine Mischung aus Perspektivlosigkeit in den Städten und einer Verbundenheit mit der eigenen Herkunft. Viele haben es probiert, sind aber nach kurzer Zeit von Dnipro oder Kiew in die Region zurückgekehrt. Sie sind verwurzelt mit den Orten, an denen sie aufgewachsen sind. Viele Menschen im Donbas fürchten, ihre Existenz und Identität zu verlieren, wenn sie alles zurücklassen.

Also bleiben sie, auch wenn sie damit ihr Leben riskieren.

Ein verlassenes Bauernhaus in der Umgebung von Marjinka. Nachdem die Gebäude wiederholt von Bomben getroffen wurden und ein Großteil des Viehs starb, zogen die Bewohner weg.
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Marcel Maffei (*1987) absolviert nach seinem Bachelor- mittlerweile das Masterstudium der Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. Davor hat er bereits die internationale Klasse in Fotojournalismus an der Danish School of Media and Journalism in Aarhus abgeschlossen. Mit seiner Story “Living on the Line of Fire” gewann er den College Photographer of the Year Preis für die beste internationale Fotostory 2016 und wurde Finalist des Canon Profifoto Awards 2016, im Jahr darauf erhielt er damit den Silberpreis beim IPA in der Kategorie Conflict Photography. Marcel hat seine Fotos in gedruckter sowie digitaler Form in zahlreichen Magazinen und Zeitungen veröffentlicht, darunter Zeit, Vice, taz, CNN USA und Tagesspiegel. Seit 2010 konnte er seine Werke in zahlreichen internationalen Galerien und auf Festivals ausstellen. Marcel lebt und arbeitet derzeit im Wechsel zwischen Dortmund und Berlin.

www.marcelmaffei.com

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