Manuela Braunmüller

Kuhmilch

2018 konsumierte jede*r Deutsche im Durchschnitt knapp über 50 Liter Kuhmilch. Was aber hinter der Produktion steckt, wissen wenige.

Fotografie Manuela Braunmüller

Interview Verena Meyer

Warum konsumieren wir eigentlich die Milch von Kühen? Die Antwort darauf liegt in der Jungsteinzeit, genauer etwa 7900 bis 7450 Jahre zurück. Damals nahmen Menschen in Europa zum allerersten Mal Milchprodukte zu sich. Nicht alle vertrugen Laktose, doch diejenigen, die damit auch im Erwachsenenalter keine Probleme bekamen, hatten in der Zeit von Ernteausfällen einen entscheidenden Vorteil. Milch war weniger keimbelastet als Trinkwasser und außerdem kalorien- und eiweißreich.

Zu dieser Zeit, dem Beginn der Landwirtschaft, war jedoch das Wissen um den Anbau von Nutzpflanzen noch nicht weit ausgebaut. Das sieht heute anders aus und trotz einer großen Menge an Alternativen trinken wir weiter Milch, die eigentlich für frischgeborene Kälber gedacht ist. Gleichzeitig produzieren deutsche Milchbauern mit der Milchverarbeitung im In- und Ausland einen Umsatz von 27,1 Milliarden Euro (Statista, 2018).

Produzierte eine Kuh 1990 noch 4710 kg pro Jahr, ist die Milchmenge 2018 auf circa 7780 kg gestiegen. Eine hohe Milchleistung ist mit das wichtigste züchterische Ziel
© Manuela Braunmüller

Wirtschaftsvorteile stehen hier der Klimabilanz entgegen. Dass der heutige Fleischkonsum das Klima belastet, ist keine Neuigkeit. Aber dass auch bei Kuhmilch pro Liter 3,2 Kilogramm CO2 Emissionen entstehen, überrascht vielleicht. Das ist gut ein Viertel des CO2 Ausstoßes, das pro Kilo Rindfleisch verursacht wird und 16 Mal so viel, wie ein Kilo Tomaten verursachen würde. Und Kuhmilchkonsum ist nicht nur schädlich für das Klima, sondern zu allererst für die Tiere selbst. „Wer Milch trinkt, nimmt das Leid von Tieren in Kauf“, so hieß es zuletzt im Greenpeace Magazin (Neues Essen, Ausgabe 4, 2019).

Wie das Leid der Kühe in Milchviehzuchtbetrieben Form annimmt, sieht man eindrücklich auf den folgenden Bildern. Manuela Braunmüller fotografierte die Serie „Kuhmilch“ und verfolgte dabei die einzelnen Schritte, die mit der Herstellung von Milch zusammenhängen. Es entstanden Bilder in Milchviehbetrieben, in Molkereien, im Schlachthof. Im Gespräch mit emerge erzählt die Fotografin, dass es zwar keine schlachtfreie Tierhaltung gibt, es aber auch nicht darum geht, einen Schuldigen in diesem System zu suchen. Sie plädiert dafür, dass wir weniger entkoppelt von und mehr verbunden mit der Landwirtschaft leben.

Eine Besamungstechnikerin mit einer Besamungspistole für die künstliche Besamung von Kühen. Mit dieser wird das Bullensperma in der Kuh platziert

© Manuela Braunmüller

emerge: Wie bist du darauf gekommen, ein Fotoprojekt zum Thema Kuhmilch zu machen?

Manuela Braunmüller: Ich hatte mich schon länger mit der Herstellung von tierischen Produkten in Deutschland beschäftigt. Am Anfang wollte ich die ganze Welt der Viehwirtschaft abfotografieren. Mich fasziniert der große Kreislauf, der um ein tierisches Produkt herum existiert. Wenn man das Fleisch eines Nutztieres haben möchte, hängt auch viel Weiteres damit zusammen: Die Zugabe von Antibiotika, der Wasserverbrauch, Futteranbau und -handel, die Samenherstellung für das Futter, den Platz, den die Tiere brauchen, die Gülle, die sie produzieren. Einiges woran man nicht wirklich denkt, weil es nicht offensichtlich auf den Produkten im Verkauf erwähnt wird. Auf dem Tetrapak steht zum Beispiel nicht: „Wurde hergestellt durch künstliche Besamung“.

2017 betrug die Milcherzeugung weltweit nach gegenwärtiger Schätzung 501 Millionen Tonnen. Der globale Handel mit Milchprodukten nimmt jährlich zu
© Manuela Braunmüller
Ein Guckloch in einem Milchsammeltankwagen. Die Milch wird vom Milchviehbetrieb zur Molkerei gebracht und zu verschiedenen Milchprodukten verarbeitet

© Manuela Braunmüller

Du hast Dich dann auf den Prozess der Milchherstellung fokussiert. Die anderen Themen hast du nicht weiter verfolgt. Warum?

Weil es zu groß geworden wäre. Es gibt so schon sehr viele Stationen innerhalb der Arbeit. Auf die Kuhmilch habe ich mich konzentriert, da mir aufgefallen ist, dass es da eine total verklärte, romantische Wahrnehmung des Ganzen gibt. Und das obwohl Milch das umsatzstärkste Produkt der deutschen Landwirtschaft ist.
 Es fängt schon bei grundlegenden Fakten an, wie dem Wissen darüber, wieso Kühe eigentlich Milch geben. Vielen ist nicht bewusst, dass Kühe nur deshalb Milch geben, weil sie Säugetiere sind und um Milch zu produzieren, regelmäßig schwanger sein müssen.

Das Produkt Milch und das Tier Kuh sind so automatisch miteinander verknüpft, das man denkt, Kühe sind so etwas wie Honigbienen. Bienen produzieren Honig und Kühe produzieren Milch. Ich wollte, dass man den Prozess von Anfang bis Ende versteht. Auch ich habe davor nicht gewusst, was alles dahinter steckt.

Trotzdem würde es mich interessieren, warum Du die nächsten Schritte des Prozesses ausgelassen hast: Wo wandert die Milch hin und wie verbrauchen wir Milch?

Ich wollte beim Tier bleiben. Für das Tier ist es eine vorbestimmte Reise. Es fängt schon bei der Befruchtung an: Die Spermien werden von einem ganz bestimmten Bullen für eine ganz bestimmte Kuh ausgewählt. Damit kann unter anderem sichergestellt werden, wie viel Milch die Kuh geben wird. Das Kalb kommt auf die Welt und der Rest des Weges ist klar.
 Der Prozess darüber hinaus war für mich nicht sehr spannend, auch visuell. Ich glaube, die nächsten Schritte kann man sich gut selbst vorstellen. In eine Besamungsstation kommt man nicht jeden Tag rein, in den Supermarkt schon.

Ein Stickstoffcontainer mit tiefgefrorenem Rindersperma. Die Konservierung bei -196 Grad Celsius hat sich aufgrund der nahezu unbegrenzten Haltbarkeit bewährt und ermöglicht den weltweiten Handel damit

© Manuela Braunmüller

Das stimmt. Wie sieht es denn in einer Besamungsstation aus?

In der Besamungsstation gibt es eine Absamungshalle. In zwei Ecken stehen die Standbullen. Die Bullen werden an einer Leine hereingeführt und nachdem sie den Standbullen für die Samenabnahme besprungen haben, wieder herausgeführt.

Zur sexuellen Stimulation des Bullen wird der Standbulle eingesetzt. Er wird zwischen zwei Eisengeländern festgebunden und nacheinander von den anderen Bullen besprungen
© Manuela Braunmüller
Alternativ kann auch eine Attrappe als Paarungsobjekt benutzt werden. Auf diese reagieren die Bullen aber nicht so stark wie auf einen Standbullen

© Manuela Braunmüller
Ein Absamungstechniker bei der Samenabnahme von einem Bullen. Dieser bespringt gerade den sogenannten Standbullen
© Manuela Braunmüller

Wie kann man sich die Milchviehbetriebe, in denen Du warst, im Allgemeinen vorstellen?

Ich habe mir ganz unterschiedliche Ställe angeschaut. 
Es sind Fotos dabei von Landwirtschaftsbetrieben mit zwanzig Kühen aber auch mit tausend Kühen. Das Prinzip der Milchproduktion trifft quasi auf jeden Betrieb zu.
 Es gibt bei den verschiedenen Haltungsarten viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Visuell ist bio oder konventionell kaum erkennbar. Es war mir wichtig, nicht mit dem moralischen Zeigefinger zu sagen: „Das ist die böse Massentierhaltung“. Ich wollte die Unterhaltung über das Thema artgerechte Tierhaltung umgehen, denn auch eine Demeter-Kuh wird befruchtet und irgendwann geschlachtet und diese Begrifflichkeiten heißen noch lange nicht, dass irgendetwas verstanden wurde.

Unterschiede, wie zum Beispiel bei den Auslaufmöglichkeiten, gibt es aber oder?

Die Bilder sind alle in Bayern entstanden und da gibt es noch relativ viel Weidehaltung. Obwohl die Kühe im Winter auch in Anbindehaltung sind, heißt, sie können sich da gar nicht frei bewegen. Die Unterschiede haben sich aber vor allem auf die Größe bezogen und welches Futter die Tiere bekommen.

Diese Maßnahmen, es dem Tier so angenehm wie möglich zu machen, bedeuten jedoch nicht, dass es dem Tier gut geht. Beim Metzger des Vertrauens einzukaufen, soll wie etwas Positives klingen. Nach dem Motto: „Fahre mit dem spritsparenden Auto, dann tust du etwas Gutes für die Umwelt.“ Aber damit tut man der Welt nichts Gutes.

Weibliche Rinder werden im Alter von 15 Monaten zum ersten Mal künstlich besamt, alle folgenden Besamungen erfolgen circa sechs bis acht Wochen nach der Geburt des letzten Kalbes
© Manuela Braunmüller

Du warst von der künstlichen Besamung der Kühe bis hin zum Schlachten der Tiere mit dabei. Wie war das für Dich?

Ich war zwei Tage lang mit Besamungstechniker*innen unterwegs und habe sie begleitet. Das erste Mal als ich in einem Kuhstall stand, war ich einfach geschockt. Überall liegen Fäkalien, es stinkt. Erschreckend ist aber, dass man sich daran sehr schnell gewöhnt. Bei den Besamungen war es dann ähnlich. Insgesamt habe ich zwischen vierzig und fünfzig Besamungen fotografiert. Beim ersten Mal war ich noch ziemlich überwältigt von dem, was ich sah. Ich musste dann aber auch in den Fotografiermodus umschalten. 
Das Wechseln in die Rolle der Fotografin war aber vor allem beim Prozess der Schlachtung enorm schwierig.

Die Schlachtung beginnt mit einer Betäubung durch den Bolzenschuss. Dadurch werden die höheren Hirnfunktionen ausgeschaltet, das Tier verliert sein Empfindungsvermögen. Die Kuh wird aufgehängt und die Kehle aufgeschnitten, damit sie ausblutet und zerlegt werden kann

© Manuela Braunmüller
Letztendlich führt die Entblutung und die damit gestoppte Sauerstoffversorgung des Gehirns zum Tod des Tieres. Die Schlachtausbeute beträgt zwischen 50 und 60 Prozent des Tieres
© Manuela Braunmüller

Beim Fotografieren gehst Du sehr grafisch an die Situation heran, das ist auch bei Bildern des Schlachtens zu sehen. Denkst Du, es gibt ein Risiko der Ästhetisierung des Ganzen?

Absolut. Aber ich habe natürlich sehr genau überlegt, welches Bild ich zeige, gerade bei der Schlachtung. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, dass ich den Prozess nicht ästhetisiere. Aber ohne eine gewisse formale Ästhetik funktioniert es auch nicht, sonst sieht es sich niemand an.

Im Labor wird der Samen untersucht, portioniert und konserviert
© Manuela Braunmüller

Wie Du meintest, ist es vielen nicht bewusst, was hinter der Produktion von Kuhmilch steckt. Deine Bilder geben da einen ganz starken Einblick. Was gab es bis dato für Reaktionen auf Deine Arbeit?

Eigentlich durchweg Positive. Ich wollte keine Arbeit machen, im Sinne von: „Der Mensch ist schlecht, weil er Milch herstellt“. 
Sondern: Die Industrie, die dahinter steckt, hat das hervorgebracht.

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In der Regel werden die Kälber in den ersten 24 Stunden nach der Geburt von der Mutterkuh getrennt

© Manuela Braunmüller
Die Kälber werden in einem Kälberiglu aufgezogen. Weibliche Kälber bleiben beim Milchbetrieb. Männliche Kälber werden zu einem Mastbetrieb transportiert

© Manuela Braunmüller

Es gibt keine schlachtfreie Tierhaltung. Das heißt, keine Kuh wird irgendwann in eine Art Altersheim für ausgediente Milchkühe geschickt

Du möchtest also nicht die Aussage vermitteln: „Trinke keine Kuhmilch mehr“. Hast du denn eine Idee, wie man die Milchproduktion verbessern könnte, damit sie weniger Leid verursacht?

Ich denke, dass Kuhmilchproduktion auf Leid basiert. Wenn man das vermeiden möchte, sollte man das Produkt meiden. Es gibt keine schlachtfreie Tierhaltung. Das heißt, keine Kuh wird irgendwann in eine Art Altersheim für ausgediente Milchkühe geschickt. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, müssen sie, wenn sie zu wenig Milch geben, geschlachtet werden. Das ist auch etwas, das man sich meist nicht bewusst macht.
 Das Prinzip des Vegetarismus ist es, die Schlachtung von Tieren nicht zu unterstützen. Aber dass auch beispielsweise Tiere in der Milch- und Eierproduktion dasselbe Ende nehmen, ist wenigen bewusst. Der Landwirt kann es sich einfach nicht leisten, hunderttausend Hektar Land zu pachten, um dort die Kühe in Ruhe sterben zu lassen.

Mit durchschnittlich fünf Jahren wird die Kuh geschlachtet, da die Milchleistung dann zurückgeht
© Manuela Braunmüller

Gibt es für Dich dennoch einen Weg, mit gutem Gewissen Kuhmilch zu trinken?

Global und ethisch tragbar wäre der Kuhmilchkonsum, wenn man seine eigene Kuh hält. Sie wird durch Natursprung, also Sex mit einem Bullen, schwanger. Bekommt ein Kalb, das so viel Milch trinken kann, wie es haben will. Die Kuh kann an einem natürlichen Tod sterben. Man selbst trinkt nur dieses eine übrig bleibende Glas Kuhmilch in der Woche. 
Aber ich denke, es ist realisierbarer, dass sich das ganze System ändert, als dass wir als Einzelne beschließen, nur noch ein Glas Milch pro Woche zu trinken. Insgesamt bleibt aber die Frage, warum es eigentlich Kuhmilch ist, die wir trinken wollen.

Es gibt ja auch noch die Meinung, dass es gesund sei, Kuhmilch zu trinken.

Auf den gesundheitlichen Aspekt bin ich bewusst nicht eingegangen. Trotzdem kann man darüber nachdenken, dass wir die einzige Spezies sind, die Muttermilch von einer anderen Spezies trinkt.

Bist du selbst auf dem Land aufgewachsen?

Ja, in einem kleinen Dorf. Ich habe aber nichts mit Landwirtschaft am Hut gehabt. Ich finde den Beruf der Landwirte schützenswert, der mehr Achtung verdient. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr mit Landwirtschaftsprozessen in Verbindung treten und nicht weiterhin so entkoppelt davon leben.

Durch die Liberalisierung des Marktes für die Milch stehen die Produzenten unter hohem Druck, so günstig und effizient wie möglich zu produzieren
© Manuela Braunmüller

Was kommt als Nächstes für dich?

Ich möchte mich gerne weiter in dem Bereich Landwirtschaft und Konsum bewegen. Mir geht es dabei vor allem um Ethik und den Verantwortungsbegriff. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle Verantwortung für unser Handeln haben. Es gibt keine neutralen Handlungen, jeder kann aber entscheiden, ob aus dem eigenen Verhalten gute oder schlechte Konsequenzen resultieren.

In Deutschland gibt es heute weniger Kühe als vor ein paar Jahrzehnten. Die Milchleistung jeder einzelnen Kuh ist in den letzten Jahrzehnten jedoch extrem gestiegen
© Manuela Braunmüller

Manuela Braunmüller (*1993) studierte an der Hochschule München für angewandte Wissenschaften Fotodesign mit einem Auslandssemester im Bereich Fotojournalismus an der University of South Wales. Das Projekt Kuhmilch fotografierte sie als ihre Abschlussarbeit. Seit 2018 arbeitet sie als freie Fotografin in München. Ihre Arbeiten wurden schon im Greenpeace Magazin, der Photonews und in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

www.manuelabraunmueller.com