Marcus Glahn

Was soll man?

Rothberg, Reichesdorf, Rauthal - drei Orte in Zentralrumänien. Noch immer zeugt die Region Siebenbürgen von der jahrhundertelangen Präsenz einer deutschsprachigen Gemeinschaft.

Fotografie Marcus Glahn

Text Lennart Hölscher

Seit mehr als 800 Jahren leben die Siebenbürger Sachsen im Zentrum des Karpatenbogens, als älteste noch existierende deutsche Siedlergemeinde in Osteuropa. Viele der Ortschaften Siebenbürgens, auch bekannt als Transsilvanien, gehen auf Gründungen der deutschsprachigen Gemeinschaft zurück. Demographisch längst eine kleine Minderheit im heutigen Rumänien, sind ihre Kulturgüter, Sprache und historischen Gebäude bis heute noch deutlich sichtbar in der Region. Doch ihr kulturelles Erbe droht langsam zu schwinden.

Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen reicht zurück bis ins ausgehende 12. Jahrhundert. Unter dem ungarischen König Geisa II. zogen flämische und deutsche Siedler*innen, im Rahmen der sogenannten Deutschen Ostsiedlung, in die östlichen Randgebiete des Heiligen Römischen Reiches. Die ungarische Krone versprach sich von der Ansiedlung vor allem wirtschaftlichen Fortschritt, Steuereinnahmen und politische Stabilität durch die Kontrolle bisher unbesiedelten Territoriums. Für die Siedler*innen selbst waren die zunehmende Unterdrückung durch Großgrundbesitzer in der alten Heimat und die Aussicht auf vererbbaren Grundbesitz Beweggründe für die Migration nach Siebenbürgen.

In den ersten Jahrhunderten nach ihrer Ankunft festigten die Siedler*innen ihren privilegierten Status in der Region. Als Kleinstaat und Fürstentum, später als nationale Minderheit verschiedener Königreiche, entwickelten die Siebenbürger Sachsen eine de-facto Autonomie. Diese überdauerte drastische politische und wirtschaftliche Umbrüche sowie verheerende kriegerische Auseinandersetzungen.

Zeitweise unter Hoheit des Osmanischen Reichs, dann als Teil der Habsburgermonarchie, konnten die Siebenbürger Sachsen ihre Unabhängigkeit gegen staatliche Eingriffe weitestgehend verteidigen. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm ihre herausragende sozio-ökonomische Bedeutung langsam ab.

Eine Gemeinschaft mit ausgeprägter Identität

Schon früh etablierten sich die Siebenbürger Sachsen als Volksgemeinschaft mit eigenem kulturellen Gedächtnis und eigener Sprache. Wichtig für ihr Selbstbild waren die wirtschaftliche Leistungskraft, der Stolz auf ihre deutsche Herkunft und die Verwurzelung in der neuen, transsilvanischen Heimat. Die allgemeine Zugehörigkeit der Siebenbürger Sachsen zur evangelischen Kirche, ein politischer Beschluss der ständischen Vertretung bereits zu einer frühen Phase der Reformation, war ein weiteres identitätsstiftendes Moment.

Über die Zeit festigte sich außerdem eine überwiegend moselfränkisch geprägte Mundart in der Gemeinschaft. Der rege Kontakt zum deutschen Sprach- und Kulturraum, beispielsweise über die Universitäten in Wien und im deutschen Kernland, brachte Ideen der Aufklärung und technologischen Fortschritt frühzeitig nach Siebenbürgen.

Im späten 19. Jahrhundert gehörten der deutschsprachigen Gemeinschaft etwa 300.000 Menschen an. Mittlerweile erneut Untertanen des Königreichs Ungarn waren sie noch immer in Besitz eines beachtlichen Teils der Produktionsmittel, Industrie und Ressourcen der Region Siebenbürgen. Die Politik der Magyarisierung belastete den gesellschaftlichen Sonderstatus und die Identität der Siebenbürger Sachsen, und damit auch ihr Verhältnis zur Krone.

An den Kämpfen des Ersten Weltkriegs nahmen trotzdem praktisch alle wehrfähigen Männer bereitwillig in den Reihen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie teil. Die Region selbst wurde nur kurz Schauplatz des militärischen Konflikts zwischen Rumänien und den Mittelmächten, nach deren Niederlage Siebenbürgen schließlich an das Königreich Rumänien übertragen wurde.

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden die Siebenbürger Sachsen schließlich dem Deutschen Reich untergeordnet. Ein weiteres Mal wurden nahezu alle Wehrfähigen eingezogen. Viele tausend Rumäniendeutsche verloren im Laufe des Zweiten Weltkriegs ihr Leben. Kurz vor Kriegsende schließlich wurde ein Großteil der Siebenbürger Sachsen mitsamt ihren Familien nach Österreich und in die deutschen Reichsgrenzen umgesiedelt, sodass nach 1945 nur noch gut hunderttausend Angehörige der Gemeinschaft in Transsilvanien lebten.

Im 20. Jahrhundert verließ ein Großteil der Siebenbürger Sachsen Rumänien

Der Beitritt Rumäniens zum Warschauer Pakt unterbrach den zuvor so bedeutsamen Kontakt zum deutschsprachigen Westen weitestgehend. Durch Zwangsarbeit in der Sowjetunion und die Verstaatlichung privater Produktionsmittel wurde der ökonomische und politische Sonderstatus der Siebenbürger Sachsen endgültig aufgehoben.

Ein Abkommen zur Familienrückführung in den 1950er Jahren leitete schließlich eine weitere Emigrationswelle in die Bundesrepublik Deutschland ein. Die fortschreitende Ansiedlung von Rumän*innen in Transsilvanien führte zur demographischen Marginalisierung der verbliebenen deutschsprachigen Minderheit.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Grenzen kam es schließlich zu einer abermaligen, die Gemeinschaft schwer erschütternden Abwanderungswelle. Innerhalb weniger Jahre verließen viele zehntausend Menschen die Region in Richtung Deutschland, Österreich und Nordamerika. Insgesamt haben im Laufe des 20. Jahrhunderts etwa 95% der Siebenbürger Sachsen ihre rumänische Heimat verlassen.

Heute längst nur noch eine Minderheit in Siebenbürgen

Mittlerweile zählen die Siebenbürger Sachsen in Rumänien nur noch etwa 13.000 Mitglieder. Demographisch sind sie längst nur noch eine kleine Minderheit in der ländlichen Karpatenregion. Ihr Altersdurchschnitt ist überdurchschnittlich hoch, die Sterbeziffern überragen die Geburtenzahlen deutlich und die Kirchengemeinden sind vom Niedergang bedroht.

Durch ihre gesellschaftliche Öffnung sind Eheschließungen mit Mitgliedern unterschiedlicher Kultur- und Sprachgruppen keine Seltenheit mehr, wodurch wiederum das ehemals so ausgeprägte Zugehörigkeitsgefühl und die kulturelle Identität der Siebenbürger Sachsen schwindet. Auch die siebenbürger-sächsische Mundart droht langsam auszusterben. Aufgrund der Emigrationswellen stehen viele der alten und einst prächtigen Bauernhöfe und Kirchenburgen leer und verfallen zunehmend.

Doch das kulturelle Vermächtnis der Siebenbürger Sachsen ist noch immer deutlich erkennbar und prägt die Region in den südöstlichen Karpaten. Die Koexistenz deutscher Namen auf den Ortsschildern rumänischer Dörfer zeugt ebenso wie die Architektur zahlreicher Bauwerke von ihrer jahrhundertelangen Präsenz und ihrem nachhaltigen Einfluss auf die Region. Wirtschaftlich gewinnt Siebenbürgen durch das langsame Aufblühen des Tourismus allmählich an Dynamik puttygen ssh , in deren Zusammenhang verwahrloste Gebäude restauriert werden – einige gehören mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Auch die evangelische Kirche findet trotz ihrer geringen Größe auch über die Grenzen Transsilvaniens hinweg Beachtung. In Siebenbürgen selbst, wie in den zahlreichen Gemeinden der weltweit verstreuten Diaspora, werden Sprache und Bräuche weiterhin gepflegt und gelebt. Und während die Region keine nennenswerte Abwanderung mehr erlebt, kehren nicht wenige Aussiedler*innen jährlich zurück, um die traditionellen Feste zu feiern und den Kontakt zu Bekannten und Verwandten aufrecht zu halten.

Manche lassen sich sogar dauerhaft nieder in der Heimat ihrer Vorfahr*innen. Insgesamt hat sich die Gemeinschaft gesellschaftlich geöffnet und leistet einen aktiven Beitrag zur kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der Region.

Und so blicken die Siebenbürger Sachsen in Rumänien in eine ungewisse Zukunft, irgendwo zwischen dem langsamen Abklingen alter Traditionen und der Erneuerung ihrer einzigartigen Kultur.

Marcus Glahn (*1988 in Leinefelde) hat nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann ein Bachelor- und Masterstudium in Medienkunst/Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität in Weimar absolviert. Als Fotograf arbeitet er für diverse Zeitungen, Magazine, Werbeagenturen und Kultureinrichtungen, sein persönlicher Schwerpunkt liegt auf der Dokumentarfotografie. Im März dieses Jahres wurde seine Arbeit „Was soll man?“ vom Erfurter Kunstverein als Fotobuch veröffentlicht. Marcus lebt derzeit in Berlin.

www.marcusglahn.de

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