Xiomara Bender & Florian Sturm

Am Ende der Welt

Fair Isle ist die entlegenste bewohnte Insel Großbritanniens. Ein Mikrokosmos, der komplexer ist, als er auf den ersten Blick scheint.

Fotografie Xiomara Bender

Text Florian Sturm

Wenn sich die elfjährige Saskia King nach Schulschluss auf dem Heimweg macht, schultert sie ihren Rucksack und läuft los. Vorbei an saftig grünen Wiesen, auf denen Schafe grasen. Hin und wieder passiert sie ein Gehöft. Aus der Ferne dringt Möwengeschrei zu ihr herüber und, ganz leise, permanentes Wellenrauschen. Rechter Hand thront Malcom’s Head. Der gut 100 Meter hohe Hügel ist eines der markantesten Wahrzeichen ihrer Heimat. Autos begegnen Saskia nur selten auf der schmalen Straße. Wenn doch, dann halten die Fahrer*innen oft für einen kurzen Plausch. Nach 15 Minuten Fußmarsch ist das Mädchen mit den braunen Locken im Haus ihrer Mutter angekommen.

Wie ein riesiger Monolith wächst Fair Isle mitten aus dem Nordatlantik. Die Insel ist, fast bei jedem Wetter, von einer unvergleichlich schroffen Schönheit.
Schafe, vor allem deren Wolle, zählen zu den wichtigsten Einnahmequellen der Insel. Die Wolle wird entweder aufs Festland verkauft oder direkt für die eigene Produktion der berühmten "Fair Isle Knitwear" verwendet.
Einsame Wege, viel Landschaft, wenig Menschen: Fair Isle wirkt oft idyllisch-einsam, ist aber - meist hinter den Kulissen - irrsinnig geschäftig. Anders würde sich ein Inselbetrieb mit 55 Leuten auch gar nicht aufrechterhalten lassen.

Der Heimweg von Saskias Bruder Sebastian sieht etwas anders aus: Mit Glück – das heißt: bei gutem Wetter – wird der 15-Jährige von einem speziellen Shuttle-Service bis zum zehn Kilometer entfernten Flughafen gefahren. Dort steigt er in eine kleine Propellermaschine, die ihn und die maximal neun anderen Passagiere in gut einer halben Stunde übers offene Meer bringt, zu einem der wohl kleinsten Flughäfen der Welt. Hinter einem hüfthohen weißen Holzzaun direkt neben einer riesigen Schotterstraße – der Landebahn –, wartet bereits seine Mutter Mati Ventrillon mit dem Auto. Manchmal ist dieser Wagen auch kein Pkw, sondern ein riesiges Feuerwehrauto. Dann ist Mati gerade im Dienst und sorgt mit ihren Kolleg*innen für die Sicherheit am Flughafen von Fair Isle, der entlegensten bewohnten Insel Großbritanniens.

Saskia King zählt zu den jüngsten Inselbewohner*innen. Zwei Tage bevor wir sie getroffen haben, kehrte sie von einem Austauschjahr aus Frankreich zurück. Mit am meisten vermisste sie, einfach die Haustür zu öffnen, mitten in der Natur zu stehen und sich dort - mit dem Vertrauen aller Leute auf der Insel - unbeaufsichtigt bewegen zu können.

Offiziell zu Schottland gehörend, ist Fair Isle kaum acht Quadratkilometer groß und liegt mitten im Ozean, auf halber Strecke zwischen Orkney und Shetland. 55 Einwohner*innen teilen sich hier eine ganze Welt. Drei davon sind Saskia, Sebastian und ihre Mutter Mati.

Bis vor vier Jahren besuchten die Geschwister noch dieselbe Schule: die Grundschule auf Fair Isle. Doch hier können die Kinder nur die ersten sieben Jahre unterrichtet werden. Dann steht jede Familie vor einer Entscheidung: Entweder der Nachwuchs geht aufs Internat der Anderson High School in Lerwick, der Hauptstadt der Shetland-Inseln – oder die gesamte Familie verlässt Fair Isle. Doch ein Umzug ist für die meisten Insulaner*innen keine Option. Auch nicht für Mati Ventrillon: „Ich habe nie darüber nachgedacht, wegzuziehen. Die Schulsituation ist ein wesentlicher Bestandteil des Insellebens und die Kinder freuen sich auf den Wechsel ins Internat. Für sie kommt es dem Schritt ins Erwachsenenleben gleich.“

Die Anderson High School in Lerwick unterrichtet nicht nur Kinder von Fair Isle, sondern auch einigen anderen kleinen Shetland-Inseln. Fast alle jedoch kommen von der Hauptinsel selbst.
Sebastian King besucht die weiterführende Schule auf Lerwick und lebt dort im Internat. Nach Hause kommt er nur alle paar Wochenenden. Dann reist er per Flugzeug oder Fähre nach Fair Isle.

Das sieht auch ihr Sohn Sebastian so. Dass er nur jedes dritte Wochenende nach Hause kann und dafür meistens in ein Flugzeug steigt, daran hat er sich längst gewöhnt. Nur die Schlechtwettervariante, die steht weder bei ihm noch den anderen Insulaner*innen hoch im Kurs. Wenn der Flugverkehr gestrichen ist, bleibt nur eine Alternative: die Überfahrt mit The Good Shepherd IV. Die Fähre verkehrt dreimal pro Woche zwischen Fair Isle und den Shetland-Inseln und eine Fahrt dauert, je nachdem, welchen Hafen das Schiff ansteuert, zweieinhalb oder fünf Stunden. Ein langer Ritt übers offene Meer, den niemand antritt, wenn es sich vermeiden lässt. Selbst einige Crewmitglieder sind noch nicht immun gegen die Fahrt mit dem „Shepherd“ und werden regelmäßig seekrank. So sehr schaukelt das Schiff auf den Wellen hin und her.

Den Naturgewalten ausgesetzt

Und wenn die See ihre wirklich raue Seite zeigt, kommt schlicht niemand von und nach Fair Isle. Für ein paar Tage von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, ist für die Insulaner*innen keine Seltenheit. Die längste Durststrecke betrug einmal sechs Wochen. Um trotzdem überleben zu können, haben die Bewohner*innen entsprechend Lebensmittelvorräte im Haus. Und per Helikopter kommen in solchen Notfalllagen Lieferungen mit frischem Obst, Milch und Gemüse. „Depends on the weather…“ (Hängt vom Wetter ab…) ist deshalb ein Halbsatz, den man auf Fair Isle regelmäßig hört. Hier wird die An- und Abreise nicht primär von offiziellen Fahrplänen bestimmt, sondern von Wind, Nebel, Eis und Schnee.

Eigentlich wäre auf Fair Isle ausreichend Platz für mehr Gebäude - und somit auch mehr Bewohner, die den Fortbestand der Inselgemeinschaft sichern. Doch erstens ist es extrem teuer, dort zu bauen - alles Material muss von außerhalb beschafft werden, und zweitens wird das Gelände vom National Trust Scotland verwaltet. Neu zu bauen ist deshalb leichter gesagt, als getan.

Schiff und Flugzeug sind die einzigen Verbindungen zum Festland. Lebensmittel, Medikamente, Baumaterialien, Haushaltsgüter, selbst Autos kommen per Fähre nach Fair Isle. Einmal die Woche, meist am Dienstag, erklingt das Schiffshorn, während das Boot mit seinem dunkelblau gestrichenen Rumpf in den kleinen Hafen einläuft. „Jedes Mal erwartet uns ein gutes Dutzend Leute, um uns beim Entladen zu helfen. Ganz egal, ob die Sonne scheint oder es wie aus Eimern schüttet“, sagt Ian Best. Der Zweiundfünfzigjährige, groß gewachsen, blonde Haare, nordischer Typ, ist Kapitän des Shepherd. Er verbrachte seine Kindheit auf Fair Isle, arbeitete dann einige Jahre woanders, unter anderem als Bootsbauer, ehe er in seine alte Heimat zurückkehrte und hier selbst eine Familie gründete. Auch seine Schwester Fiona und sein Vater John leben in dem 55-Seelen-Kosmos.

„Diesen großen Zusammenhalt, diese Unterstützung untereinander, ganz egal, worum es geht, findest du woanders nicht“, ist Fiona Mitchell überzeugt. Die besondere Gemeinschaft, gepaart mit den natürlichen Gegebenheiten – atemberaubende Landschaft, gesunde Flora und Fauna, Ruhe, Sicherheit, Abgeschiedenheit vom Trubel des Lebens auf dem Festland – waren die Gründe, warum Fionas und Ians Vater John 1973 nach Fair Isle kam. „Es gibt keinen besseren Ort, eine Familie großzuziehen. Außerdem sind wir hier eigentlich alle wie eine große Familie“, sagt der 83 Jahre alte John Best.

John Best ist mit 83-Jahren der älteste Inselbewohner. Er lebt seit 1973 auf Fair Isle. Wer ihm begegnet, trifft stets einen aufgeweckten Geist, der um keinen Scherz verlegen ist. Ebenso wenig um eine Einladung zu einer Tasse Tee.
Längst nicht alle Gebäude auf Fair Isle sind in bewohnbarem Zustand. Einige wenige erinnern an Zeiten, in denen über 300 Leute auf der Insel lebten.
Bäume gibt es hier nicht. Dafür ist das Wetter zu rau.

Er ist derzeit der älteste Inselbewohner und hat mehr als die Hälfte seines Lebens hier verbracht. Sein weißer Bart und der wache, leicht schelmische Blick lassen sein vom Wetter gegerbtes Gesicht jünger erscheinen. Auch die Arbeit im Garten und in seinem Atelier halten ihn fit. John Best sitzt in seinem Lieblingsstuhl im geräumigen Wohnzimmer seines Hauses. Ein Haus, das er vor Jahren selbst gebaut hat, wie er voller Stolz erzählt. Der frisch aufgebrühte Tee dampft aus der Tasse, der Blick aus dem Fenster zeigt ein atemberaubendes Panorama: die schroffen Klippen an der Südspitze der Insel, an denen sich die Wellen brechen, davor der imposante, weiße Leuchtturm.

„Als meine Frau Betty und ich 1973 nach Fair Isle zogen, wollten wir auch ein stückweit die Insel retten“, sagt er. 1861 lebten auf Fair Isle, heute kaum vorstellbar, 360 Leute. Doch seither sinkt die Bevölkerung fast kontinuierlich. Den ersten und bisher größten Rückschlag gab es 1862. Ein Unternehmer von den Shetland-Inseln wollte Fair Isle kaufen – doch mit möglichst wenig Einwohner*innen. Also versuchten zahlreiche Landbesitzer*innen, ihre Pächter*innen loszuwerden. Die nächsten Winter würden hart, sagten sie, und die Insel könne so viele Leute nicht ernähren. Die Angstkampagne wirkte. Im Mai 1862 verlor die Fair Isle 132 Bewohner*innen. Deren neues Ziel: Kanada.

Eine solch massive Abwanderung war zwar die Ausnahme, doch der Bevölkerungsschwund blieb ein stetiges Problem: Familien zogen weg, da die Chancen auf gute Bildung und Arbeit woanders schlichtweg besser waren. Im September 1897 verschluckte ein Sturm fast die gesamte Besatzung von zwei Booten, die zum Tauschhandel mit vorbeifahrenden Schiffen vor der Küste von Fair Isle unterwegs waren, später verlor die Inselgemeinde etliche Männer durch die zwei Weltkriege.

1973 zählte Fair Isle nur noch 42 Einwohner*innen. Zu wenig, um das Leben auf dem Eiland aufrecht zu erhalten. „Die Insel stand kurz davor, evakuiert zu werden. Die Gemeinschaft brauchte dringend junge Familien. Wir waren eine davon“, sagt John.

Seine Frau Betty trat eine Stelle als Krankenschwester auf der Insel an. Zunächst befristet für ein Jahr. Doch schnell war klar, dass sie sich hier langfristig ein Leben aufbauen wollten. Für John kein leichter Schritt. Auf dem Festland plante und managte er Krankenhäuser. Dafür war auf Fair Isle kein Bedarf. Doch er musste, er wollte Geld verdienen – und dafür Dinge lernen, an die er bislang nie gedacht hatte. Also gründete John mit einem Nachbarn eine Firma, arbeitete am neuen Strom- und Sendemast, reparierte und baute ganze Häuser. All das, obwohl er darin keinerlei Erfahrung hatte.

Wenn Fyntan (links) und Ythan Shaw auf der Insel sind, wird selbstverständlich mit angepackt. Meistens auch freiwillig. Ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn gehört auf Fair Isle quasi mit zum Erbgut.

Fair Isle, das sagen viele Bewohner*innen, macht aus dir einen neuen Menschen. Einen, der Probleme löst. Denn eine Insel am Laufen zu halten, ist eine Mammutaufgabe. Und eine, für die es viele fähige Hände braucht. Wasser- und Stromversorgung müssen ebenso geregelt werden wie die Instandhaltung der Straßen. Der kleine Supermarkt, die Grundschule, der Flughafen; die Vogelwarte samt Forschungsstation, die Fähre und Gasthäuser – alle brauchen Mitarbeiter*innen. Es gibt eine Krankenschwester, Museumsführer, Mitglieder vom Gemeinderat. Viele Frauen halten die Tradition selbstgestrickter Kleidung am Leben und die Mehrzahl der Grundstücke sind kleine Bauernhöfe mit Vieh und Land. Obendrein bedeutet die Lage der Insel: Fast alles muss selbst gebaut oder repariert werden. Hilfe und Materialien von außerhalb zu organisieren, ist teuer und dauert seine Zeit. Und je nach Wetterlage ist man sowieso auf sich allein gestellt.

Langeweile? Das kennt hier niemand

Wer als Erwachsener auf Fair Isle lebt, hat nicht nur einen, sondern mehrere Jobs. „Viele Tourist*innen fragen uns: Und was macht ihr am Abend – oder im Winter? Dass wir Probleme haben, unsere Zeit rumzukriegen, ist einer der größten Irrtümer über das Leben auf der Insel“, sagt Fiona, die als zehnjähriges Mädchen nach Fair Isle kam. Sie selbst leitet mit ihrem Mann Robert den lokalen Supermarkt und die Post, gibt Kunstunterricht in der Grundschule, ist für die Feuerwehr auf Fair Isle zuständig, strickt und sitzt als ehrenamtliches Mitglied in diversen Gemeinderäten. „Für uns ist kein Tag wie der andere und es gibt immer etwas zu tun“, sagt Fiona.

Fiona Mitchell arbeitet nicht nur als Feuerwehrfrau, sondern leitet außerdem die Postfiliale, den Supermarkt, unterrichtet an der Grundschule und sitzt in mehreren Gemeinderäten.

Der Sommer gehört auf Fair Isle zu den geschäftigsten Zeiten des Jahres. Neben den üblichen Arbeiten müssen die Schafe geschoren und geimpft sowie deren Futter von den Feldern geerntet und für den Winter vorbereitet werden. Mehrere warme, regenfreie Tage am Stück sind Grundvoraussetzung. Ansonsten ist die anstrengende Ernte unmöglich. Zeigt der Wetterbericht ein passendes Zeitfenster, kommt traditionell die gesamte Inselgemeinschaft zusammen, um anzupacken.

Schwierigkeiten für Neuankömmlinge

Zusammenhalt, Widerstandsfähigkeit und eine natürliche Willkommenskultur sind Teil der Fair-Isle-DNA. Trotzdem ist das schottische Eiland kein Ort frei von zwischenmenschlichen Problemen. Jeder kennt hier jeden. Die Insel ist klein und abgeschieden, die Gemeinde übersichtlich. Davonzulaufen – vor Konflikten, unsympathischen Nachbar*innen oder gar sich selbst – funktioniert nicht. Spannungen treten oft schnell an die Oberfläche.

Diese Erfahrung mussten auch die Eltern von Saskia und Sebastian machen. Sie siedelten 2007 von London nach Fair Isle über. Wie alle Neuankömmlinge wurden Mati und ihr Partner David mit offenen Armen empfangen. Die Insulaner*innen zeigten ihnen, wie man Gemüse anbaut, luden sie zu sich nach Hause ein, zeigten ihnen, wie das Leben auf der Insel funktioniert. Mati, die vorher als Architektin gearbeitet hatte, nun aber anderweitig Geld verdienen musste, wurde in die Stricktradition eingeführt. Auch David fand einen Job. „Im ersten Jahr“, sagt Mati, „ist die Unterstützung großartig. Danach wirst du mehr und mehr in die Selbstständigkeit entlassen, aber trotzdem von allen beäugt.“

Für die Heuernte kommt ein Großteil der Inselgemeinschaft zusammen. Nur so gelingt es überhaupt, die großen Felder in einer Schönwetterperiode abzuarbeiten. Auch die 15-Jährige Raven hilft mit.
Ravens Mutter Hollie (links) bei der Schafschur. Sie und ihr Mann besitzen unzählige Schafe auf der Insel. Hollie leitet eine der beiden kleinen Knitwear-Companies auf Fair Isle.
Arbeit kann auch mal Entspannung sein.

Das führt zu Konflikten. Denn einerseits braucht die Insel frische Ideen, andererseits soll an bestehenden Strukturen möglichst nicht gerüttelt werden. Exemplarisch steht dafür ironischerweise genau der Aspekt, für den Fair Isle weltberühmt ist: die traditionelle Strickmode, die selbst vom britischen Königshaus getragen wird. Fair Isle Knitwear wird seit mindestens 400 Jahren hergestellt – und zwar stets nach demselben Prinzip: Grundlage sind geometrische Muster und in jeder Reihe dürfen maximal zwei Farben verwendet werden. Die Produktion erfolgt in mühevoller Handarbeit und, strenggenommen, mit Wolle, die von den Schafen auf der Insel gewonnen, dort geflochten und gefärbt wird. Durch dieses aufwändige Prozedere lassen sich jedoch nur wenige Kleidungsstücke – meist Maßanfertigungen – herstellen, die dann auf den Online-Shops der Insulaner*innen verkauft werden. Trotz der hohen Preise ist die Nachfrage größer als das Angebot.

Mati sah ungenutztes Potenzial und schlug der Gemeinde einige Änderungen vor: Hauptsächlich ging es darum, durch eine industrielle Produktion in kleinem Rahmen mehr Stücke produzieren und diese günstiger verkaufen zu können, um das Fundament für ein gesundes Wachstum der Textilindustrie auf der Insel anzustoßen. Produziert würde aber nicht auf Fair Isle, sondern in England – und das ist gegen die alte Tradition. Dementsprechend lehnte die Insel ihren Vorschlag ab. Mati macht es trotzdem auf ihre Weise. Statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, haben sich nun zwei konkurrierende Strick-Unternehmen auf Fair Isle etabliert.

David King ist Künstler, Eigenbrötler, Konfliktherd auf der Insel. Er ist vor allem für sich (und seine inzwischen Ex-Frau) nach Fair Isle gezogen - nicht für den Fortbestand der Gemeinschaft.
In seinem Atelier widmet er sich vor allem Grafiken und Zeichnungen. Es sei aber bald wieder Zeit, die Insel zu verlassen. Als wir ihn trafen, lebte er bereits seit zwölf Jahren dort.

Auch David sieht diese besondere Dynamik für Neuankömmlinge: „Wenn du hier ankommst, ist zwar jeder extrem hilfsbereit. Gleichzeit sind aber alle Jobs bereits verteilt, das Sozialgefüge sitzt in festen Satteln und langfristig musst du sehen, wo du bleibst“, sagt der Siebzigjährige. Für Leute, die sich unterordnen, kein Problem. Doch er und Mati haben eine eigene Vision von ihrem Leben, ihrer Zukunft und der Art und Weise, wie sie Dinge angehen wollen: Nach ihrer Ankunft betreiben sie manuelle Landwirtschaft ohne Unterstützung moderner Geräte; Mati zieht trotz Gegenwind die England-Produktion einiger ihrer Kollektionen durch; David, weltbereister Künstler und Individualist, beteiligt sich wenig bis gar nicht am Gemeinschaftsleben auf Fair Isle. Das stößt auf Widerstand. Niemand hat sich hier wirklich überworfen, aber wo es geht, wird das Miteinander mit dem Rest der Gemeinschaft auf ein Minimum reduziert.

David und Mati leben zwar beide noch auf der Insel, sind jedoch seit fünf Jahren kein Paar mehr. Langfristig gesunde Beziehungen sind hier die Ausnahme. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Immer wieder gab es Trennungen, egal, ob die Verliebten gerade frisch zusammen waren oder ein scheinbar gefestigtes Paar waren, als sie auf die Insel kamen. Fair Isle und das Leben hier fordern eine Beziehung in einer Weise, die man vom Festland nicht kennt. Dabei sind gerade junge Familien überlebenswichtig für die Insel. Schließlich braucht die Schule Kinder, die sie unterrichten kann. Und die Insel eine Generation, die in zehn, zwanzig Jahren das Zepter übernimmt.

Marie Bruhat, 25, und Thomas Fisher, 21, könnten wesentlicher Bestandteil dieser Generation werden. Die Französin und der Schotte sind die neuesten Bewohner*innen der Insel – und ein Paar. Marie kam ursprünglich 2015 für ein Praktikum bei Mati nach Fair Isle. Sie mochte die Insel, die Arbeit, das Leben, und kehrte 2017 zurück, um hierzubleiben. Einige Monate später, im Februar 2018, traf sie Thomas. Der arbeitete gerade mit einer Baufirma an den neuen Windrädern auf Fair Isle. „Wir sind uns das erste Mal beim wöchentlichen Darts-Abend begegnet. Wir waren uns sympathisch, aber sofort gefunkt hat es nicht“, sagt Marie.

Marie Bruhat und Thomas Fisher lernten sich zufällig auf der Insel kennen. Er zog kurzerhand zu ihr. Werden die beiden irgendwann die Geschicke der Insel leiten?

Bald steht das noch junge Paar vor einer Entscheidung: Fernbeziehung oder nicht? „Uns nur alle paar Wochen kurz zu sehen, darauf hatten wir beide keine Lust. Außerdem wäre das extrem teuer geworden“, sagt Thomas. Also kündigt er kurzerhand seinen Job in Aberdeen und zieht auf die Insel. Nur: Wohin? Wohnraum ist hier Mangelware. Fast alle Häuser werden vom gemeinnützigen National Trust for Scotland (NTS) verwaltet. Einfach so einziehen geht nicht. Jedes Gehöft wird öffentlich ausgeschrieben und hat meist etliche Interessent*innen. Bis überhaupt etwas frei wird, auf das man sich bewerben kann, vergehen mitunter Jahre. Also blieb nur eine Option: Er zog bei seiner neuen Freundin ein – nach nur wenigen Monaten Beziehung. Marie hatte sich gerade auf ein kleines Haus beworben und wartete – nun gemeinsam mit Thomas –, dass sie einziehen konnte. „Ich bin überzeugt, dass wir als Paar vor allem deshalb so harmonieren, weil wir so früh zusammengezogen sind. So wusste jede*r, worauf er/sie sich einlässt“, sagt Thomas.

In ihrem neuen Heim – zwei Zimmer, Wohnküche, Bad auf knapp 80 Quadratmetern – wohnen sie noch immer, haben viel Geld, Zeit und Energie in eine umfangreiche Renovierung gesteckt. Bei verhältnismäßig geringem Verdienst auf der Insel ist das nur möglich, weil der NTS pro Gehöft nicht mehr als 400 Euro Miete verlangt. Pro Jahr.

Marie und Thomas sehen sich langfristig auf Fair Isle. Druck, irgendwann eine neue Generation zu begründen, spüren sie derzeit nicht. Auch wenn jede*r Bewohner*in weiß, wie wichtig Nachwuchs für die Insel ist. „Ich bin der festen Überzeugung, dass neue Leute aus Eigeninteresse herkommen sollten. Nicht primär, um die Insel zu retten. Letztlich tut Fair Isle doch dir einen Gefallen, indem die Insel dir ein Leben ermöglicht, wie du es so nirgendwo sonst führen könntest“, sagt Marie voller Überzeugung.

Diese Recherche wurde unterstützt durch einen Sonderpreis der Sir-Greene-Stiftung.

Xiomara Bender (* 1987) arbeitet als freie Fotojournalistin mit den Schwerpunkten Reportage, Dokumentar- und Portraitfotografie. Sie erhielt bereits zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, wie der C/O Berlin Foundation „Close Up!“ Award, International Photography Award sowie der Londoner Fine Art Photography Award. Xiomara lebt in Berlin.

www.xiomara-bender.com

Florian Sturm arbeitet als freier Journalist für diverse Magazine und Zeitungen im In- und Ausland. Er beschäftigt sich vor allem mit den Themen Fotografie, Reise, Sport, Kultur und Wissenschaft und verfasst dazu Porträts, Reportagen, Features und Interviews. Er berichtete bislang aus Deutschland, Australien, Botswana, Estland, Großbritannien, Italien, Kenia, Marokko, Monaco, Namibia, Österreich, Portugal, Rumänien, der Schweiz, Südafrika, Ungarn und den USA. Derzeit ist er Redaktionsmitglied des Medium Magazins.

www.florian-sturm.com

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