Kseniya Apresian

Die Zukunft, die wir teilen

Viele Menschen wenden sich vom Überkonsum und Kapitalismus ab. Eine Gemeinschaft bei Bad Belzig versucht alternativen Formen des Zusammenlebens – für mehr Solidarität und Nachhaltigkeit.

Fotografie Kseniya Apresian

Gegründet wurde das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, kurz ZEGG, als Gemeinschaft und Bildungszentrum im Jahr 1991 in Bad Belzig. Gründer Dieter Duhm hatte zuvor in den 70er Jahren im Schwarzwald mit Modellen zur Schaffung einer gewaltfreien Gesellschaft experimentiert. Mit dem ZEGG setzte er sein Projekt kurz nach der Wiedervereinigung in größerem Maßstab im Osten Deutschlands, etwa 70 Kilometer von Berlin entfernt, um. Während Duhm zu einer anderen Gemeinschaft nach Portugal weiterzog, wuchs das ZEGG zu einem etablierten Projekt mit rund hundert Menschen.

Kseniya Apresian hat sich fotografisch mit der ZEGG-Gemeinschaft und ihren Mitgliedern auseinandergesetzt. Im Interview mit emerge gibt sie Einblicke in ihre Arbeit.

Wie bist du auf das Thema aufmerksam geworden und was hat dich dazu inspiriert, diese Gemeinschaft fotografisch festzuhalten?

Ich bin durch Zufall darauf gestoßen. Irgendwo in der Nähe von Bad Belzig habe ich einen Flyer vom ZEGG gesehen und Kontakt mit ihnen aufgenommen. Ich wusste nicht, was mich erwartet, und bin einfach hingefahren, um es persönlich zu erleben – mit der Zeit immer öfter. Das Konzept eines alternativen Lebensstils hat mich fasziniert, besonders weil wir als kapitalistische Gesellschaft heutzutage offenbar scheitern.

Bjorn in der Bibliothek vom ZEGG. Er führt seit 20 Jahren eine offene Beziehung mit seiner Partnerin und glaubt fest daran, dass Liebe eine Entscheidung ist, die wir jeden Tag treffen. September 2022
Freiwillige schneiden Äpfel in der Küche. Bei ZEGG wird 60 % des benötigten Obst und Gemüses im eigenen Garten produziert. Oktober 2022

Was war dein erster Eindruck, und wie hat sich dein Blick im Laufe der Zeit verändert?

Als ich das ZEGG zum ersten Mal besuchte, war es Sommer. Das Erste, was ich sah, war ein nacktes Paar, das im Gras sonnte. Ein wirklich idealistisches Bild, was zu meiner stereotypischen Vorstellung, wie die Menschen dort leben würde, passte. Das hat sich aber nicht bestätigt.

Die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, sind erfolgreich, zielorientiert, haben Karrieren und Familien. Außerdem existiert das ZEGG bereits seit 30 Jahren, also ist es eine ziemlich stabile Struktur.

Wie kann man sich das Leben in diesen Gemeinschaften vorstellen?

Das Leben in diesen Gemeinschaften ist meistens ziemlich intensiv. Der Tag ist voll mit verschiedenen Gruppenaktivitäten – von Kochschichten über die Arbeit mit Freiwilligen bis hin zu Gruppentreffen und unterschiedlichen Workshops. 

Ein starker Fokus liegt auf nachhaltigem Leben. Ein Beispiel dafür sind die Maßnahmen der Gemeinschaft zum Klimaschutz. Für die Bewohner*innen geht es um weit mehr, als nur ihren CO₂-Fußabdruck zu reduzieren. Sie fragen sich: ‚Wie können wir teilen, was wir haben?‘ Sobald sie einen Konsens gefunden haben, setzen sie das um, worauf sie sich geeinigt haben. Und wenn eine neue Frage auftaucht, beginnt der Prozess wieder von vorn. 

Die Mitglieder der Gemeinschaft bauen ihr eigenes Obst und Gemüse an und schonen dabei den Boden. Sie teilen sich großzügige Häuser, kochen vegetarische Mahlzeiten für alle, teilen Autos und Fahrräder und knüpfen so ein lebendiges Netzwerk der Solidarität und des ökologischen Bewusstseins. Dabei verweben sie ihre eigenen Lebensgeschichten, die so unterschiedlich sind wie die Ideen, die sie mitbringen.

Die Dorfkneipe ist ein Ort, an dem sich Mitglieder und Freiwillige tagsüber auf eine Tasse Kaffee oder abends auf ein Glas Wein treffen können. Im ZEGG arbeiten die Mitglieder als Barkeeper, was eine ungezwungene und gemütliche Wohnzimmeratmosphäre schafft. September 2022
Alicia und Jenny vor dem Restaurant vom ZEGG. Oktober 2022

Sind die Gemeinschaften autark oder auf die Infrastruktur der modernen Gesellschaft angewiesen?

Das ZEGG ist in vielen Bereichen selbstversorgend, aber nicht vollkommen autark. Die Gemeinschaft verfügt über eine eigene Wasserversorgung, reinigt ihr Abwasser vor Ort und produziert einen großen Teil ihrer Wärme und ihres Stroms durch erneuerbare Systeme wie Holzhackschnitzelheizung, Photovoltaik und Kraft-Wärme-Kopplung. Auch viele der verwendeten Lebensmittel bauen sie selbst an. Finanziell sind sie allerdings weiterhin von der Gesellschaft abhängig – ein erhelicher Teil des Einkommens kommt von Menschen, die an ihren Workshops und Seminaren teilnehmen.

Gab es bestimmte Rituale oder tägliche Praktiken, die dich besonders fasziniert oder beeindruckt haben?

Es gibt keine einheitliche spirituelle Richtung, der alle Mitglieder folgen, aber die Gemeinschafte ist stark mit der Natur und ihren Geistern verbunden. Im ZEGG liegt der Fokus sehr auf Bewusstsein und Meditation. Außerdem gibt es dort ein einzigartiges System, das den Namen ‚Forum‘ trägt. Dabei versammelt sich die Gruppe im Kreis und schafft einen sicheren Raum des freien Ausdrucks. Jede*r kann in die Mitte des Kreises treten und sagen, zeigen oder ausdrücken, was sie*ihn bewegt. Anschließend können andere in die Mitte gehen und mit der Gruppe teilen, was sie wahrgenommen und beobachtet haben, man nennt das den ‚Spiegel geben‘. Durch dieses Ritual ensteht ein Raum des Austauschs, der die Gemeinschaft stärkt.

Deine Bilder strahlen Harmonie und Ruhe aus und zeichnen ein eher idealistisches Bild – hast du auch andere Seiten mitbekommen?

Wie in jeder großen Gruppe mit unterschiedlichen Weltanschauungen bleibt auch das ZEGG nicht von Konflikten verschont:

2021 etwa geriet das ZEGG in die Kritik, weil es mit der Gemeinschaft „Go and Change“ kooperierte, die später von der Süddeutschen Zeitung als sektenartig und missbräuchlich beschrieben wurde. Das ZEGG beendete daraufhin die Zusammenarbeit, auch wenn einzelne Mitglieder weiterhin Kontakt haben.

Und als es einmal um eine Investition in Solaranlagen ging, konnte kein gemeinsamer Kostenplan etabliert werden. Schließlich gründete eine kleine Gruppe ein eigenes Unternehmen und installierte die Anlagen auf eigenes Risiko – mit Erfolg. Heute bezieht das ZEGG seine Energie vollständig aus erneuerbaren Quellen.

Insgesamt gibt es in intentionalen Gemeinschaften natürlich immer wieder Herausforderungen etwa was die Themen Ressourcen, Wohnen und Beziehungen betrifft. Fertige Lösungen gibt es selten; sie müssen gemeinsam gefunden und verhandelt werden.

Jenny und Steffi sind eines der wenigen queeren Paare im ZEGG. Die Gemeinschaft möchte in Zukunft inklusiver sein und mehr junge und queere Mitglieder anziehen. März 2023
Was im Garten angepflanzt wird, verarbeiten die Mitglieder vom ZEGG etwa für die drei vegetarischen Gerichte pro Tag, für Kräutertees oder Fruchtkonfitüren. November 2022

Wie finanzieren sich die Gemeinschaften, und welche Rolle spielt die Ökonomie in ihrem Alltag?

Gemeinschaften finanzieren sich größtenteils durch die Kurse, die sie anbieten. Zum Beispiel ist das Leben im ZEGG eng mit dem Seminarbetrieb ihres Bildungszentrums verbunden. Das ZEGG veranstaltet das ganze Jahr über verschiedene Kurse, Festivals und Camps für mehr als 1.000 Gäst*innen. Die Gemeinschaftsmitglieder arbeiten für das Bildungszentrum und dadurch entsteht eine gemeinsame Ökonomie: Der größte Teil der Gelder zur Unterstützung der Gemeinschaft stammt aus den Seminaren. Diejenigen, die für die Gemeinschaft arbeiten, erhalten einen Lohn, und das Leben in der Gemeinschaft kostet etwa 600 € pro Monat.

Hast du eine Begegnung oder Geschichte, die dir bei deiner Beschäftigung mit dem ZEGG besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich habe mit vielen Mitgliedern der Gemeinschaft gesprochen, doch das Gespräch mit Björn, einem 60-jährigen Architekten, brachte den Geist des Zusammenlebens besonders gut auf den Punkt:

„Wenn ich in Berlin Häuser baue, dann meist für Investoren oder fremde Menschen. Professionell, aber distanziert. Hier baue ich für Menschen, die mir nahestehen. Ich denke nicht nur an das Gebäude, sondern an die ganze Gemeinschaft. Das verändert alles.

Im ZEGG bin ich nicht nur Architekt, sondern auch Teil des Bautrupps – und vielleicht einmal Bewohner. Ich sehe das Haus jeden Tag, bekomme direkt Rückmeldungen und lebe mit den Folgen meiner Entscheidungen. Ein Projekt ist nie wirklich abgeschlossen.

So arbeiten hier alle. Menschen im sozialen Bereich überlegen, wie wir neue Mitglieder aufnehmen. Die Gärtner fragen sich, wie wir genug Nahrung produzieren. Manche Resultate sieht man schnell, andere erst nach Jahren. Terra Preta [hoch-fruchbare schwarze Erde] zum Beispiel zeigte seine Wirkung erst nach fast einem Jahrzehnt. Man braucht Geduld – und Hingabe.“

Eivind ist CEO von Orbital Machines – einem Startup, das hochleistungsfähige elektrische Treibstoffpumpen für Trägerraketen und Raumfahrzeuge herstellt. August 2022
Kinder haben auf dem Grundstück von ZEGG kleine Artefakte gesammelt und bewahren sie auf einer Veranda auf. September 2022

Glaubst du, dass diese Form des Zusammenlebens eine realistische Alternative zur modernen Gesellschaft darstellen, oder können sie eher als weltfremd wahrgenommen werden?

Für mich sind sie auf jeden Fall eine realistische Alternative. Ich denke, es würde uns allen nicht schaden, in größerer Harmonie mit der Natur und anderen Menschen zu leben. Andererseits bin ich mir aber nicht sicher, ob das in einer kapitalistischen Welt überhaupt möglich ist.

Kseniya Apresian (*1991) ist Dokumentarfotografin und lebt in Berlin. Sie hält Abschlüsse in Fotografie an der Fotografika Academy of Documentary and Art in Sankt-Petersburg und in Visueller Kommunikation an der Kunsthochschule Weißensee. Seit 2022 studiert Kseniya Visual Journalism and Documentary Photography an der Hochschule Hannover. Der Schwerpunkt ihrer in langfristigen Fotoprojekte liegt vor allem auf Themen, die mit ihrer eigenen Lebenserfahrung verknüpft sind, etwa Fragen der Identität, Sexualität und soziale Normen hinterfragen – von Beziehungen und Arbeit bis hin zu urbanem Leben und Kapitalismus.

Print aus der Arbeit „Die Zukunft, die wir teilen“ von Kseniya Apresian

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