Hannes Jung

Falsche Heimat

Nach 17 Jahren der Duldung wird die Familie Belisha in den Kosovo abgeschoben. Fünf der insgesamt sechs Kinder sind in Deutschland geboren. Ankunft in einer fremden Heimat.

„Ohne Heimat sein heißt leiden.“ – Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Heimat

Der Begriff Heimat beschreibt eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Einen Ort, an dem man aufgewachsen ist. Den man positiv bewertet, an dem man sich geborgen fühlt. Wann entsteht Heimat, wie lange braucht es dafür? So lange sie da ist, spürt man sie kaum. Wie ergeht es Menschen, wenn ihnen Heimat genommen wird, wenn sie entwurzelt wurden? Akzeptiert ein Mensch neue Heimat? Wenn ja, unter welchen Umständen?

Eine Abschiebung

Unter einer Abschiebung versteht man die zwanghafte Durchführung einer in einem Gerichtsverfahren festgestellte Ausreisepflicht. Täglich liest man in der Zeitung von Familien, die nach einigen Jahren in Deutschland das Land wieder verlassen müssen. Zurückkehren in ihre neue alte Heimat. Eine Heimat, die viele nicht mehr kennen. Meist erhebt sich eine Welle des Protests von kirchlichen und politischen Bündnissen, die jedoch bald wieder abebbt. Eine Abschiebung wird so gut wie nie aufgehoben. Der Abschiebung geht voraus, dass Menschen aus einem Land in ein anderes geflüchtet sind. Aus verschiedenen Gründen, immer in der Hoffnung, dass es ihnen in ihrer neuen Heimat besser geht.

Familie Berisha

Bestehend aus der Mutter Dulsa (43 Jahre), den Söhnen Milaim (24), Soni (18), Edi (17) und der Tochter Merlinda(15). 1992 ist die damals noch kleine Familie in den Kriegswirren des ehemaligen Jugoslawiens über Umwege nach Deutschland geflüchtet. Ein neues Land wurde zu ihrer Heimat, fünf der insgesamt sechs Kinder sind hier geboren. 17 Jahre Duldung. In dieser Zeit wohnten sie am Rand der Gesellschaft, immer in Angst der kommenden Abschiebung. 2008 wurde die Familie in den Kosovo abgeschoben. Ein Land, das ihre Heimat sein soll. Eine Heimat, die für sie fremd ist. In der vier von fünf Kindern noch nie waren. Niemand wartet auf sie, keine Verwandte, keine Freunde. Sie gehen nicht zur Schule, verlassen kaum das Haus. Bis auf die Mutter spricht niemand richtig Albanisch. Als Aschkali, Angehörige einer ethnischen Minderheit, werden sie benachteiligt und missachtet. Dazu besteht das Vorurteil, dass Geld vorhanden sei – schließlich kommt die Familie ja aus Deutschland.

Hannes Jung, (*1986 in Bremen) lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. Er studierte Fotografie in München, Valencia und Hannover und ist Alumni des Eddie Adams Workshops. Seine Arbeiten wurden unter anderem mit dem n-ost Reportagepreis, Rückblende – Preis für politische Fotografie, College photographer of the year award, Canon Profifoto Förderpreis und Prix Mark Grosset ausgezeichnet sowie in Ausstellungen und auf Festivals wie dem Athens Photo Festival, C/O Berlin, Copenhagen Photo Festival, Fototage Wiesbaden, und Vilnius Photo Circle gezeigt.

www.hannesjung.com

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