Lia Darjes

Konvertieren

Aus ganz unterschiedlichen Gründen konvertieren Menschen in Deutschland zum Islam. Das Thema sorgt in unserer Gesellschaft für Faszination, ruft bei einigen aber auch Ängste hervor.

Warum konvertieren Deutsche zum Islam? Wie kommt es, dass sich Nicht-Gläubige oder Christen für eine Religion begeistern können, deren Sprache und Semantik sie oftmals nicht verstehen, deren traditionelle Riten auf den ersten Blick wenig mit unserer kulturgeschichtlichen Herkunft gemein haben?

In den deutschen Medien wird immer wieder von einem Zuwachs von Konversionen zum Islam berichtet. Ein Thema, das sowohl Faszination als auch Ängste hervorruft. Als Innenminister äußerte sich Wolfgang Schäuble bezüglich der Konvertiten als besorgt und attestierte so jedem Konvertit das Potenzial zum Extremismus. Er ignorierte damit, dass die Radikalisierung Einzelner jedoch bisher ein Randphänomen bleibt. Häufig wird der Islam in der medialen Berichterstattung als das Andere betrachtet. Innerhalb dieses Betrachtungsmusters ist es nicht verwunderlich, dass die vermeintlich steigenden Übertritte zum Islam irritieren und verunsichern. Trotz des erhöhten Interesses gibt es kaum verlässliche Zahlen über Konvertiten in Deutschland, auch weil es ein sehr privater Prozess ist, der ohne bürokratischen Akt begonnen wird.

Für den 28-jährigen Nils aus Berlin war es ein Nahtoderlebnis, das ihn dazu gebracht hat auf eine reli­giöse Suche zu gehen, für Mannaar, eine aktive Kommunistin vor der Wende, heute Kinderbuchauto­rin, war es die Verzweiflung über das Scheitern des Systems an das sie geglaubt hatte. Iman war vorher Christin, als sie jedoch mit dem Tod ihres Großvaters konfrontiert wurde, konnte sie keine Antworten auf die Fragen finden, die sie zu diesem existenziellen Problem hatte. Anna, eine Kunstgeschichtsstu­dentin, fand für sich Ruhe, nachdem sie sich immer wieder dem Rausch hingegeben hatte. Ela war vor ihrer Konversion Buddhistin und sah vor einiger Zeit eine Dokumentation im Fernsehen, aus der sie erfuhr, dass auch Buddhisten Kriege geführt hatten. Darüber war sie so entsetzt, dass sie sich eine neue Religion suchte, und die lag vor ihrer Haustür: in Berlin-Kreuzberg. Daniel kam sein nächtliches Leben als DJ leer vor. Und Efendi hatte einfach in den 50ern einen Koran im Bus gefunden. Anja bezeichnet sich als „Öko-Tussi“ und fand im Islam ökologische Antworten auf Fragen zu Ernährung, Leben mit den Jahreszeiten und Mutterschaft. Saphiya war auf der Suche nach einem spirituellen Weg und fand so ihren Platz in einen Sufi-Kloster. Philine ist Jurastudentin und geht mit den Suren im Koran um wie mit den Paragraphen im Gesetzbuch. Gemeinsam haben viele, dass sie durch den Kontakt mit Muslimen den Islam kennengelernt haben. Nur wenige Frauen mit denen ich gesprochen habe, sind wegen ihrer Männer konvertiert, ein Vorurteil, dem sich aber alle Frauen häufig ausgesetzt sehen.

Wie wird der Islam in unserer westlichen Gesellschaft visuell und inhaltlich betrachtet und wie schnell verfällt man dabei in tendenziöse Betrachtungsmuster?

Lia Darjes, wurde 1984 in Berlin geboren und ist in Hamburg aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet sie in beiden Städten. Sie beendete ihr Studium an der HAW Hamburg im Oktober 2011 mit ihrer Arbeit „konvertieren“, die von Prof. Ute Mahler betreut wurde. Ihre Arbeiten wurden in mehreren Gruppenausstellungen und auf Festivals gezeigt.

www.liadarjes.com

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • […] • Emerge zeigt die Diplomarbeit “Konvertieren” von Lia Darjes. […]

  • Konvertitin
    12. Juni 2015 12:47

    VIELEN DANK! Endlich hat sich mal jemand die Mühe gemacht deutsche zu betrachten, die zum Islam konvertiert sind – einschließlich wunderschöner Fotoaufnahmen :) ! Ich bin selbst vor 10 Jahren konvertiert und finde es schade, dass man fortan irgendwie nicht mehr als Deutscher gesehen wird. Es hat den Anschein, dass die meisten Leute die Religion Islam irgendwie mit der Staatsbürgerschaft der Leute gleichsetzen bzw. verwechseln.

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