Robert Herrmann

Yeni Istanbul

Die Millionen-Metropole am Bosporus wächst beständig in die Breite und Höhe. Gleichzeitig wird öffentlicher Raum zunehmend zergliedert und privatisiert. Für die Bewohner*innen wird Teilhabe an städtischen Entwicklungen immer komplizierter.

Yeni İstanbul, das neue Istanbul, strebt in eine globale Zukunft. Überall im Stadtgebiet wird hastig gebaut, immense Infrastrukturprojekte greifen tief in die Topografie und in die gewachsene Bau- und Gesellschaftsstruktur der Stadt ein. Im Süden wird dem Marmarameer hektarweise neues Bauland abgerungen, eine Brücke für die städtische Metro überspannt nun das Goldene Horn und verbindet byzantinisches Erbe mit den wachsenden Geschäftszentren im Norden. Nach der neuesten städtebaulichen Fertigstellung lässt sich der Bosporus zudem unterirdisch per Schnellbahn queren, das städtische Schienennetz soll zudem in den nächsten Jahren um weitere 400 Kilometer anwachsen.

Neue Supermalls bieten, was das Herz der neuen Konsumenten begehrt. Wolkenkratzer dominieren das Bild, Wohn- und Geschäftsimmobilien nach internationalem Standard entstehen, Symbole für die Macht des Kapitals. Es ist offensichtlich, wie eifrig die Regierungspartei mit dem wirtschaftlichen Aufschwung um die Gunst der Wähler wirbt. Doch die türkische Wirtschaft wächst auf Pump mit zum Teil milliardenschweren Krediten aus dem Ausland.

Gleichzeitig wird die Stadt für ihre Bewohner sowohl komplexer als auch undurchdringlicher – der öffentliche Raum wird schleichend zergliedert, privatisiert und überwacht. Die Entöffentlichung des Stadtraums schürt soziale Spannungen. Während andernorts auf der Welt längst eine Stadtentwicklung der Teilhabe praktiziert wird, verschärft der autoritäre Führungsstil der türkischen Regierung zunehmend bestehende Konflikte. So waren Planungen für die Bebauung des Gezi-Parks am Taksimplatz 2013 Auslöser für die Proteste, die international Aufmerksamkeit erregten. Wer entscheidet, wem die Stadt gehört und wer sie wie nutzen darf? Wird das Recht auf Stadt zum Recht der Privilegierten?

Robert Herrmann studierte Architektur in Berlin und begann danach im Bereich Architekturfotografie und -darstellung zu arbeiten. 2013 machte er sich mit dem „architektur bild bureau“ selbständig. Mit seinen freien Arbeiten als Bildkünstler bezieht er sich meist auf das Thema der Stadt und den menschengemachten Raum. Robert Herrmann lebt in Berlin.

www.architekturbildbureau.de

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