Marcus Glahn

Vollzug

An wenigen Orten ist der Unterschied zwischen Innen und Außen stärker wahrnehmbar als im Gefängnis. Innerhalb einer pragmatischen Architektur, die sie gefangen hält, kämpfen die Insassen um ihre Individualität.

Gefängnis, Haftort, Knast: Es gibt viele Begriffe für diesen Ort, der sich von allen anderen unterscheidet. Die wenigsten Menschen haben ein Gefängnis je von innen gesehen – wer doch, der tat dies in aller Regel nicht freiwillig. Es sind Orte des Zwangs fernab des Alltags der restlichen Gesellschaft. Menschen werden hierhergeschickt, um ihre Strafe zu verbüßen. Sie werden abgesondert von der Gesellschaft, um sich besser in sie zu integrieren – und, um die Allgemeinheit vor ihnen zu schützen.

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Ihr Alltag unterliegt dabei strengster Kontrolle. Wann aufgestanden wird steht fest, was es zu Essen gibt steht fest, wann und wie lange gearbeitet wird steht fest. Die Insassen können nur über wenig Zeit frei bestimmen und sich unbeobachtet ihren eigenen Interessen widmen. Es ist dieser kleine Spielraum, der ihnen die Möglichkeit gibt, einen Rest an Individualität auszuleben.

Arbeit hat an diesem Ort eine besondere Funktion. Sie ist mehr als Selbstzweck, sie ist zentrales Element der Rehabilitation und des Systems Gefängnis. Insassen sind dazu verpflichtet eine Arbeit anzunehmen, auch wenn ihr Lohn nur einen Bruchteil des Lohns in der Außenwelt ausmacht. Wer sich diesem verweigert, muss mit Disziplinarstrafen rechnen.

Eingesperrt in die starre und pragmatisch-kalte Architektur der Justizvollzugsanstalt passen sich die Menschen an ihr Umfeld an. Doch wie bei der Blume, die zwischen grauen Gehwegplatten erblüht, sucht sich die Individualität auch hier ihren Weg. Die Insassen legen sich riesige Sammlungen an Pflanzen in ihren Zellen zu oder verbringen den Großteil ihrer Freizeit mit Lesen. Einige beginnen ein Fernstudium. Kunst dient vielen als Ventil, auch weil Kunsttherapie ihnen die Möglichkeit bietet, Erlebtes zu verarbeiten und sich innerlich ein neues Leben aufzubauen.

Wider Erwarten zeigt sich, dass das Außen im Inneren sehr präsent ist. Blühende Pflanzen in Zellen und grüne Landschaften auf Leinwand zeugen von der Sehnsucht der Insassen nach dem Außen. Trotzdem werden einige ihren Weg zurück ins Außen nie mehr richtig finden. Sei es, weil diese Welt nicht mit ihnen klarkommt, oder, weil sie in dieser Welt nicht mehr klarkommen. Einige werden rückfällig und kehren zurück ins Gefängnis. Andere bleiben gefangen, auch wenn sie die Haftanstalt als solche nach einiger Zeit wieder hinter sich lassen.

Marcus Glahn (*1988 in Leinefelde/Thüringen) hat nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann das Masterstudium in Medienkunst/Mediengestaltung an der Bauhausuniversität in Weimar absolviert. Derzeit lebt und arbeitet er als Fotograf in Berlin.

www.marcusglahn.de

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