Anna-Kristina Bauer

Nowa Huta

Am Rand von Krakau wurde die Planstadt einst als Paradebeispiel sozialistischer Industrie und Gesellschaft konzipiert. Heute jedoch dominiert die Arbeitslosigkeit, vor allem der Jugend fehlen die Perspektiven.
© Anna-Kristina Bauer
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Der Krakauer Arbeiterstadtteil Nowa Huta wurde als Lebensraum für die über 40.000 Beschäftigten des Eisenhüttenkombinats und deren Familien konzipiert. Nach dem Ende des Sozialismus in Polen und der darauffolgenden Privatisierung sind nur etwa 2.000 Arbeitsplätze übrig geblieben. Vergreisung und Abwanderung belasten den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Jugend fehlt es an Perspektiven. Übrig geblieben sind Menschen, die ihr zu Hause zwar lieben, aber nicht wissen, ob und wie sie dort glücklich werden können.

Für ihr Fotoprojekt hat Anna-Kristina Bauer die Jugendkultur des Krakauer Stadtteils erkundet und visuell erfasst. Dabei hat sie junge Menschen begleitet auf der Suche nach eigener Identität in einer städtischen Realität irgendwo zwischen konservierter Planwirtschaft und gelebtem Kapitalismus. Wir haben der Fotografin einige Fragen zu ihrem Projekt gestellt:

emerge: In deinem Projekt Nowa Huta (zu Deutsch: “Neue Hütte”) fotografierst du junge Menschen, die in einer ganz besonderen polnischen Stadt aufgewachsen sind und leben. Könntest du kurz erklären, warum Nowa Huta keine gewöhnliche Stadt ist?

Anna-Kristina Bauer: Nowa Huta wurde Ende der vierziger Jahre als erste sozialistische Planstadt in Polen gebaut und sollte das Vorzeigeprojekt des Kommunismus sein. Es wurde als das Traumland der neuen sozialistischen Generation propagiert und galt als Hoffnungsträger für das durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogene Polen.

Tausende junge Frauen und Männer, die auf dem Land keine Arbeit bekamen, sollten hier ihren Traum verwirklichen und im anliegenden Stahlwerk einen gut bezahlten Job finden. Jeder*m wurde eine Mehrzimmerwohnung mit Heizung und eigenem Badezimmer versprochen. In Nowa Huta sollte es außerdem ein Kino, Sportplätze, Parks, Kulturhäuser, Krankenhäuser, Schulen und Büchereien geben und so zu einer der bedeutendsten Städte Polens werden. Es wurde eine Stadt konzipiert, die sich gezielt von dem intellektuellen Krakau abgrenzen und eine Heimat für das Proletariat darstellen sollte. Eng verbunden mit dieser Utopie war auch die Idee, ganz nach sozialistischem Vorbild einen neuen Typus Mensch zu schaffen. Einen Menschen, der weder Gott noch Kirche braucht, sondern alle seine Wünsche in Nowa Huta verwirklicht sieht.

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© Anna-Kristina Bauer
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Wann und wie wurde deine Aufmerksamkeit geweckt?

Ich bin 2010 das erste Mal im Rahmen eines Fotoaustauschprogramms nach Krakau gereist. Einer der Kursteilnehmer kam aus Nowa Huta, er hat mich dann nachts auf eine Spritztour durch den Ort mitgenommen. Er hat mir die alte Stahlwerkindustrie, die Wohnblöcke mit den nackten Fassaden und die Hinterhöfe gezeigt und von seiner eigenen Jugend, den geschichtlichen Hintergründen sowie der aktuellen Situation in der Stadt erzählt.

Die Fahrt durch diese dunkle, diesige Nacht hat auf mich beeindruckend und gleichzeitig beklemmend gewirkt. Es hat mich irgendwie an eine Kulisse alter sowjetischer Filme erinnert. Während meines Studiums habe ich mich viel mit dem Suchen und Finden der eigenen Identität, dem  Schwebezustand zwischen jugendlichen Leichtsinn und einem Vernunft orientiertem Leben als Erwachsener auseinandergesetzt. Nora Huta knüpft daran an.

Welche Geschichte möchtest du mit deinen Bildern erzählen?

Zu Beginn der Arbeit bestand für mich der Wunsch, einen persönlichen Einblick in den geschlossenen Mikrokosmos der Jugendkultur zu erhalten. Ich wollte verstehen, warum so viele junge Polen*innen den Wunsch äußern ihr Heimatland zu verlassen, mich gleichzeitig aber auch mit der damaligen und heutigen politischen Lage auseinandersetzen und dies in einem Gefühl fotografisch darstellen. Es interessierte mich, wie sehr der Ort und die sozialen Umstände unser Leben prägen und ob sich meine Definition von Heimat von der polnischer Jugendlicher unterscheidet. Am Ende meiner Arbeit habe ich Menschen kennengelernt, die ihre Heimat lieben, aber nicht wissen, ob und wie sie dort glücklich werden können.

© Anna-Kristina Bauer
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Wie hast du die Personen ausgewählt bzw. wie hast du Kontakt zu ihnen aufgenommen?

Anfangs bin ich sehr viel alleine in Nowa Huta unterwegs gewesen. Ich war viel in Bars, auf Konzerten, in Fitnessstudios und auf Fußballspielen. Zudem wechselte ich alle drei Tage das Zimmer, um immer mehr Leute kennenzulernen. Die meisten Jugendlichen traf ich aber dann tatsächlich durch Zufall in Hinterhöfen oder auf der Straße. Wenn man viel Zeit an einem Ort verbringt, kennen dich die Leute irgendwann. Ein Kontakt führt zum nächsten und so weiter. Schwierig wurde es, wenn ich die Leute zu Hause fotografieren wollte. Viele meldeten sich dann nicht mehr oder sagten das Treffen ab.

Gab es besondere Momente oder auch Schwierigkeiten während du für dein Projekt fotografiert hast?

Die Fotografie ist für mich etwas sehr Intimes. Ein Mittel eigene Erfahrungen, Stimmungen und Gefühle in Bilder zu übersetzen und auszudrücken. Es war für mich schwierig nicht nur Klischees von ostigen Plattenbauten zu bedienen, deshalb hat sich vieles noch im Editing ergeben. Die Bilder, die am Ende noch stehen, beschreiben für mich nicht unbedingt konkrete Aspekte, sondern eher ein Gefühl von verschiedenen Lebensrealitäten in Nowa Huta. Für mich stellt es immer eine große Überwindung dar, fremde Leute anzusprechen. Es fühlt sich manchmal an wie eine innere Blockade und ich frage mich, ob ich hingehen soll oder nicht. Dann sage ich mir, jetzt oder nie. Man weiß nicht, auf welche Menschen man am Ende trifft, aber meistens ist es ein gegenseitiges Interesse. Das macht vieles einfacher.

© Anna-Kristina Bauer
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Wie ich gelesen habe, gilt Nowa Huta mittlerweile auch als Tourist*innenattraktion. Welche Veränderungen sind damit einhergegangen?

Bei meinen ersten zwei Reisen 2010 und 2012 habe ich Nowa Huta als eine sehr düstere Stadt wahrgenommen. Von der prunkvollen Altstadt Krakaus kann man mit der Straßenbahn Nr. 4 in den Osten der Stadt gelangen und beobachten, wie sich mit der Architektur auch das gesellschaftliche Milieu verändert. Viele junge Leute, denen ich durch Zufall auf der Straße begegnete, erzählten mir von ihren Schwierigkeiten, Arbeit zu finden und ihrer Unzufriedenheit in Nowa Huta zu leben. Je länger und intensiver ich das alltägliche Leben dort begleitete, desto mehr konnte ich ebenfalls auch positive Energie wahrnehmen. So traf ich bei meinem letzten Besuch im Jahr 2016 junge Menschen, die mit viel Motivation, Zuversicht und Engagement versuchten, das Stadtbild zu verändern und das gesellschaftliche Leben neu zu gestalten.

Agenturen schicken Tourist*innen im Trabi auf eine Zeitreise in den Sozialismus

Dass Nowa Huta sich im Wandel befindet hat auch die Stadtverwaltung von Krakau erkannt, die lange Zeit dieses Viertel systematisch vernachlässigt hat. Aufgrund der geschichtlichen Besonderheit bietet die Stadt ein hohes Maß an touristischen Attraktionen, die zukünftig mehr Geld in die Stadtkassen spülen sollen. Agenturen schicken Tourist*innen im Trabi auf eine Zeitreise in den Sozialismus, die Besichtigung einer typisch sozialistischen Musterwohnung inklusive. Die Anläufe des Tourismus funktionieren bisher hauptsächlich in den Sommermonaten, wenn die Altstadt Krakaus maßlos überfüllt ist, ansonsten scheuen viele bislang noch den Weg aus dem Zentrum.

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Wird eine Stadt touristisch erschlossen, wird sie zumeist ja auch als Wirtschaftsstandort oder als Wohnraum attraktiv. Konntest du auch solche Entwicklungen wahrnehmen?

Da in den letzten Jahren die Mietpreise im Krakauer Stadtzentrum explodiert sind und sich viele Studenten*innen daher keine Wohnungen mehr leisten können, eröffnet Nowa Huta neue Alternativen. Hier ist der Wohnraum noch bezahlbar, weshalb Studenten*innen und junge Familien den Stadtteil für sich entdecken und mit neuen Impulsen das Stadtbild verändern. So haben in den letzten Jahren zwei Bäckereien, zwei Eisdielen, ein neues Kulturzentrum mit Ausstellungsfläche und die erste Bar für jüngeres Publikum eröffnet. Viele junge Nowahucianies versuchen auf diesen Trend aufzusteigen, entwickeln einen starken Lokalpatriotismus und rühmen sich mit der Tatsache, aus Nowa Huta zu kommen. Jedoch bleiben auch viele von dieser neuen Nowa Huta-Euphorie ausgeschlossen.

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Nowa Huta ist nur eines deiner Projekte, was hast du bisher noch gemacht und was ist demnächst geplant?

Ein anderes freies Projekt trägt den Titel „Under your Charms“ und zeigt Bilder vom Suchen und Finden der eigenen Identität, den Schwebezustand zwischen jugendlichem Leichtsinn und vernunftorientiertem Leben als Erwachsener. Die Arbeit entstand über einen längeren Zeitraum, in dem ich mich selbst in eben dieser Phase des Erwachsenwerdens befand. In einem weiteren, neuen Projekt setze ich mich mit der Welt des Glücksspiels auseinander, ich bin gespannt.

Ich habe auf deiner Homepage gelesen, dass du auch in einem Fotograf*innenkollektiv namens “Mint Collective” aktiv bist. Könntest du das den Lesenden zum Schluss noch kurz beschreiben? Wer steckt dahinter und was sind eure Themen und Ziele?

Während meines Studiums habe ich immer mit anderen Fotograf*innen zusammengewohnt. Es ging Tag ein Tag aus immer um Fotografie, jetzt finde ich diesen Austausch im 2013 gegründeten deutsch-dänischen Fotokollektiv MINT. Wir sind acht Mitglieder und uns hilft es, wenn wir zusammenarbeiten, unsere Gedanken teilen und den Geschichten eine größere Plattform bieten. Wir sprechen über anstehende Aufträge, über größere Projekte und präsentieren unsere Ideen im Rahmen monatlicher Updates auf unserer Homepage www.mintcollective.de. Gerade arbeiten wir an einem größeren Gruppenprojekt, das wir Ende 2018 ausstellen.

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Anna-Kristina Bauer (*1987) wurde in Erlangen geboren und hat bis 2016 an der Fachhochschule Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie studiert. Während dieser Zeit war sie ebenfalls bei der Multimedia-Agentur 2470media tätig und hat sich dahingehend nicht nur mit Fotografie, sondern auch mit dem Medium Video intensiver auseinandergesetzt. Sie gewann bereits Preise wie u.a. 2016 den Canon Profiförderpreis und arbeitete mit Magazinen und Zeitungen wie dem Missy Magazine, Ostpol, der taz und dem Freitag zusammen. Anna-Kristina lebt und arbeitet als freie Fotografin in Hannover.

www.annakristinabauer.com

Das Interview führte Melinda Matern

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