Ricardo Wiesinger

Was bleibt?

J. B. wollte das schnelle Geld. Zu schnell. Insgesamt zehn Jahre verbrachte er im Gefängnis. Jetzt, mit 70 Jahren, beginnt er ein neues Leben in Freiheit.
Rechnet man die vorherigen Jahre im Gefängnis hinzu, kommt Herr B. auf über zehn Jahre Lebenszeit, die er in deutschen JVAs verbrachte.
J. B. ist 70 Jahre alt. Als ich ihn vor ca. einem Jahr kennenlernte, saß er seine vierte und längste Haftstrafe ab. Nach viereinhalb Jahren sollte er vorzeitig entlassen werden. Grund für die Haft: Urkundenfälschung im großen Stil.
Beim ersten Treffen begegnet mir ein gepflegter älterer Mann mit kurz rasiertem Haar, in dunkelblauer, sichtbar oft getragener Gefängniskleidung, der mich überaus freundlich willkommen heißt. J. B. ist nicht der Typ Mensch den man erwartet, wenn man einen fremden Häftling besucht.
63 Zellen sah J. B. von innen – allein während der letzten Haft.
Seine Zelle war völlig kahl. Der einzig sichtbare persönliche Gegenstand war sein brauner Ledermantel den er trug als er verhaftet wurde.
Herr B. sagte mir am Tag der Entlassung, dass er im Leben nie so glücklich war wie jetzt. Endlich wisse er wo die Reise hingehen soll. Ein letztes Mal rasiert er sich in seinem 1 qm kleinen Bad.
Zum Abschied trägt J. B. Hemd und Pullunder. Ein Mitinsasse bricht plötzlich in Tränen aus und nimmt ihn in den Arm. Es entstand eine Freundschaft während der gemeinsamen Haftzeit.
Herr B. erhält die wenigen persönlichen Gegenstände zurück, die er vor Haftantritt hat abgeben müssen. Unter anderem auch sein altes Handy.
Ein Häftling wird am Tag der Entlassung nicht einfach vor die Tür gesetzt. Herr B. durchläuft mehrere Stationen der Verwaltung der JVA, bevor er gehen darf.
An diesem Tag wartet niemand auf J. B. vor den Toren der JVA. Im ersten Moment in Freiheit kommt er mir isolierter und einsamer vor, als hinter den dicken Gefängnismauern. Herr B. schaltet sein Handy ein um sich ein Taxi zu rufen.
Was Herrn B. erwartet ist eine leerstehende Wohnung, die er sich vor der Entlassung hat anmieten dürfen. Hier will er die Schatten der Vergangenheit endgültig hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen.
Die Miete kommt vom Sozialamt. Die Einrichtung wird nur bezuschusst. Grundsicherung.
Im Fahrstuhl des Sozialamts sind wir kurz allein. Herr B. wirft einen Blick auf die Zahlen und macht keinen Hehl aus seinen Sorgen. In seinem Alter fair bezahlte Arbeit zu finden ist nicht leicht. Von seinem Lebenslauf ganz zu schweigen. Eine Rente bekommt er nicht.
Herr B. lässt sich trotz aller Umstände nicht den Mut nehmen. Mit der für ihn typischen Hartnäckigkeit sucht er sich seinen Weg zurück in den Alltag.
Wie fängt man ein Leben von Null an? Erst nach und nach kann J. B. sich Möbel leisten. Es ist nicht das erste Mal, dass Herr B. ohne jeden Cent ein neues Leben beginnt. Sein Optimismus ist ungebrochen.
Um auf andere Gedanken zu kommen unternimmt J. B. lange Spaziergänge an Orte die er schon früher sehr mochte.
Mindestens drei mal die Woche lässt J. B. sich ein Bad ein. Eines der kleinen Dinge, die er während der Haft am meisten vermisste. Einem Menschen wie Herrn B. geht es nicht mehr um das große Geld. Es gibt niemanden mehr in seinem Leben, den er damit glücklich machen könnte. J. B. hat sich von fast allem gelöst was sein Leben ausmachte. Von seiner Familie, von Freunden, vom Geld. Vom Knast. Was bleibt, ist ein Leben in Freiheit.

J. B. ist 70 Jahre alt. Davon hat er über zehn Jahre in deutschen Gefängnissen verbracht. Die Fotografien entstanden während seiner vierten Haftstrafe, aus der er nach viereinhalb Jahren vorzeitig entlassen wurde. Grund für die vierte Haft war Urkundenfälschung im großen Stil.

Er habe nie herausfinden können worum es ihm eigentlich ging im Leben, habe immer zu viel auf einmal gewollt. Das schnelle Geld, Familie. Zu Geld kam er. So viel, dass er laut eigener Aussage nicht mehr wusste wohin damit. J. B. gründete auch eine Familie, doch der Kontakt ist längst abgebrochen. Auch vom Geld ist nichts mehr übrig. Trotzdem sagt er, es ginge ihm so gut wie nie. Endlich habe er begriffen wo seine Reise hingehen soll. Er wolle zur Ruhe kommen und nie wieder hierher zurückkehren.

Ricardo Wiesinger (*1987 in Ludwigshafen am Rhein) hat bereits während der Schulzeit begonnen zu fotografieren und sammelte erste journalistische Erfahrungen bei der Schülerzeitung. Im Anschluss an eine Reise durch Israel im Jahr 2007 stellte er seine Fotografien in einer Wanderausstellung in Mannheim und Umgebung aus. Nach dem Schulabschluss 2010 arbeitet er zunächst mehrere Jahre als freier Fotograf und Assistent. 2015 begann er schließlich mit dem Studium in Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. Seine Arbeiten wurden 2016 auf dem Lumix Festival for Young Photojournalism sowie dem Visa pour l’image in Perpignan ausgestellt. Ricardo lebt und arbeitet derzeit in Hannover.

www.ricardo-wiesinger.com

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