Miriam Klingl

Kämpferherz

Viele Roma-Familien verließen in den letzten Jahren ihr Heimatdorf Fântânele für ein neues Leben in Berlin-Lichtenberg. Einblicke in zwei Alltage zwischen Rumänien und Deutschland.

Die Straße ist laut und mehrspurig, sie führt hinaus aus der deutschen Hauptstadt, Richtung Osten. Alt-Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg wirkt von außen zu groß, zu befahren für ihre Bewohner. Inmitten hoher Plattenbauten steht ein Altbau: Der Innenhof karg, die Wandfarbe blättert ab. Unscheinbar erscheint das Haus, deren Bewohner – mehrere Familien aus Rumänien – die Fotografin Miriam Klingl über Monate begleitete.

Alt-Friedrichsfelde, Berlin

Im Interview erzählt sie, wie sie die Kinder und Jugendlichen kennenlernte – und schließlich in deren Heimatdorf, ins rumänische Fântânele, reiste

emerge: Wie kam der erste Kontakt zu den Kindern und Familien aus Lichtenberg zustande?

Miriam Klingl: Ich habe durch eine Freundin erfahren, dass es die GSJ gibt, die Gesellschaft für Sport- und Jugendsozialarbeit, die verschiedene Sportangebote für Roma-Kinder in Berlin anbietet. Da ich diese Angebote spannend fand, stellte sie den ersten Kontakt zu den Mitarbeitern her und ich konnte diese bei der Arbeit mit den Kindern begleiten. Dann habe ich damit begonnen, mich intensiver mit der Geschichte der Roma auseinanderzusetzen, und festgestellt wie viele Stereotype und Vorurteile in Deutschland nach wie vor vorhanden sind.

___STEADY_PAYWALL___

Die Kinder waren mir gegenüber gleich sehr aufgeschlossen. Über einige Monate hinweg kam ich immer wieder, lernte sie besser kennen, insbesondere Larisa und ihre Freundinnen, fotografierte, brachte ihnen die ausgedruckten Fotos mit. Irgendwann fragten sie mich, ob ich zu ihnen nach Hause kommen wolle.

Wie war dein erster Besuch in dem Haus?

Als ich zum ersten Mal mit Larisa ihre Familie besuchte und zum Kaffeetrinken eingeladen wurde, dachte ich: Krass, das ist ja super ordentlich hier. Im Nachhinein erschrecke ich mich etwas über diese Gedanken – ich wollte doch gerade eine Serie machen, die keine Vorurteile und Stereotype bedient. Und es war beim ersten Blick in die Wohnungen tatsächlich ganz anders als der Eindruck, den der Innenhof und das Treppenhaus vermuten ließ. Die Wohnungen waren klein, aber liebevoll und sorgsam eingerichtet: Die hübsche Tapete, das gute Teeservice. Ich war erstaunt darüber, wie so viele Menschen auf engstem Raum so gut organisiert zusammenleben. Viele Familien bewohnen nur eine Einzimmerwohnung.

Gab es sprachliche Schwierigkeiten?

Ich lernte anfangs vor allem die Mütter kennen, da die Männer meistens arbeiten waren. Von den Eltern konnten die meisten weder Deutsch noch Englisch, deswegen dolmetschen die Kinder hin und her. Als ich dann merkte, ok, ich will das wirklich machen, habe ich eine Bekannte gebeten, mich zu begleiten. Sie spricht rumänisch und so konnte ich den Familien erklären, was ich mache, wer ich bin, was ich vorhabe.

Deine Fotos zeigen die Kinder fast ausschließlich zu Hause. Hast du dich bewusst dafür entschieden, dich auf dieses Setting zu konzentrieren?

Der Alltag der Kinder spielt sich tatsächlich in großen Teilen hier ab – zu Hause, im Innenhof, auf dem Spielplatz nebenan. In dem Haus wohnen geschätzt 15 Familien, sie kommen alle aus Rumänien und bleiben viel untereinander. Das fühlte sich an wie eine kleine Insel. Die Kinder hatten, außerhalb der Schule und den Angeboten des GSJ, kaum Kontakt zu Nachbarn oder anderen Menschen.

»Ich fand es beeindruckend, welchen Kampfgeist die Kinder haben, wie sie versuchen, intuitiv mit ihrer Lebenssituation umzugehen«

Gab es eine bestimmte Stimmung, die du auffangen wolltest?

Zum einen wollte ich zeigen wie lebensfroh diese Kinder sind, super quirlig, kreativ. Und gleichzeitig habe ich manchmal so eine Lethargie gespürt. Es gab Tage, an denen sie gelangweilt in der Wohnung rumsaßen oder auf dem Sportplatz rumstanden. Diese melancholische und nachdenkliche Stimmung wurde dann aber eben manchmal unterbrochen von sehr euphorischen Momenten. Zum Beispiel gibt es das eine Bild im Hinterhof, da springt ein Mädchen Larisa in die Arme. Das war so ein Moment.

Wann war für dich klar, dass du die Kinder über einen längeren Zeitraum begleiten möchtest?

Das kam so ziemlich schrittweise. Ich habe bei meinen Besuchen und Gesprächen mit den Familien nach und nach ihre Geschichten erfahren. Sie erzählten, dass fast alle Bewohner des Hauses aus dem gleichen Ort kamen, dem Dorf Fântânele, das circa 40 km von Bukarest entfernt liegt. Ich dachte mir, wie abgefahren – dass da so viele Familien nach Deutschland aufbrechen. Deshalb habe ich beschlossen, nach Rumänien zu fahren, um mir anzuschauen, woher sie gekommen waren.

Du bist nach Fântânele gereist, um den Ort kennenzulernen und zu fotografieren. Wie war dein Zugang zu dem Dorf?

Ich hatte vor meiner Reise durch Larisas Familie Kontakt zu ihrer Schwester Rebeca aufgenommen, die noch in Fântânele lebt. Bei meinem ersten Besuch war sie dann aber gar nicht da, sodass ich mich den Menschen im Dorf selber vorstellen musste. Die Bekannte, die mich schon in Berlin begleitet hatte, kam mit und konnte übersetzen. Es war anfänglich nicht leicht, die Leute waren eher skeptisch. Fântânele war in den vergangenen Jahren immer wieder von der deutschsprachigen Presse besucht worden, da eine große Community in Neukölln aus dem Dorf stammt. Die Leute reagierten zunächst genervt, dass schon wieder jemand kommt, um Fotos zu machen. Insgesamt war ich drei Mal dort und habe vor allem Rebecas Familie näher portraitiert.

Fântânele, Rumänien

Welche Vorstellungen haben die Kinder aus Berlin von ihrem Heimatdorf – und was denken die Menschen aus Fântânele von Berlin?

Die Kinder in Berlin haben mir je nach Alter von eher schemenhaften Erinnerungen an Rumänien erzählt – von der Natur und der Freiheit, dem Raum zum Spielen. Einige schienen die Entscheidung der Eltern, nach Berlin zu gehen, nicht nachzuvollziehen. Andersrum wird in Fântânele viel über Verwandte gesprochen, die gegangen sind, von ihrem Leben in Berlin. Gerade für die jungen Leute scheint es keine Zukunftsperspektive in dem Dorf zu geben.

Welche Schwierigkeiten sind dir im Laufe der Arbeit an der Geschichte begegnet?

Schwer war für mich, die Sprache nicht zu sprechen. Ich hätte mir manchmal einen leichteren, direkteren Zugang gewünscht. Außerdem war es nicht immer leicht, mich abzugrenzen. Die Kinder und Eltern kamen manchmal mit Problemen an mich heran, Behördengänge oder Wohnungssuche, bei denen ich merkte, dass mich das überfordert. Es war nicht leicht, damit den richtigen Umgang zu finden.

Was war für dich rückblickend das schönste an dieser Arbeit?

Der enge Kontakt zu den Kindern und zu den Familien. Als Fotografin in einer Beobachter-Rolle Einblicke in eine Welt zu erhalten, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Ich fand es beeindruckend, welchen Kampfgeist die Kinder haben, wie sie versuchen, intuitiv mit ihrer Lebenssituation umzugehen. Daher auch der Titel der Geschichte: Luptâtor de inima – Kämpferherz. Bei den Sportangeboten für die Kinder und Jugendlichen bin ich weiterhin dabei. Ich möchte sehen, was aus ihnen wird.

Miriam Klingl (*1994 in Bayern) absolvierte von 2013 bis 2016 sie ihre Ausbildung zur Fotografin am Lette Verein Berlin. In ihren Fotoessays beschäftigt sie sich vor allem mit sozialen Themen. Seit dem Abschluss ihrer Ausbildung arbeitet Miriam als freie Fotografin in Berlin und hat 2017 ein Studium zur Bildredakteurin an der Osktreuzschule für Fotografie aufgenommen.

www.miriam-klingl.de

Das Interview führte Livia Valensise, emerge Redakteurin.

Menü