Karolin Klüppel

Dabu

Im Südwesten Chinas lebt das Volk der Mosuo. Traditionell gilt hier das Prinzip der Mutterlinie: Als matriarchale Familienoberhäupter haben allein die Frauen das Sagen.
In der matrilinearen Gesellschaftsform der Mosuo sind die Frauen Haushaltsvorstand – die Matriarchinnen werden Dabu genannt.
Sada Dorma (77), Yixi

Das Leben am Ufer des Lugu-Sees ist im Wandel. Zwischen den chinesischen Provinzen Yunnan und Sichuan leben hier, in den Höhen des Himalaya-Gebirges, die Mosuo. Das Leben der chinesischen Minderheit, der heute noch schätzungsweise 40.000 Menschen angehören, folgte jahrhundertelang einer eigenen, komplexen sozialen Struktur. Geprägt war diese seit jeher von der weiblichen Entscheidungsmacht. Als wohl bekannteste Tradition gilt die der Besuchsehe: Paare leben nicht zusammen, sondern besuchen einander nur nachts, im Morgengrauen kehrt der Mann ins eigene Heim zurück. Kinder bleiben ein Leben lang Teil der mütterlichen Familie.

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So leben die Mosuo in Großfamilien zusammen, in denen Name und Besitz von der Mutter zur Tochtergeneration vererbt werden. Als Familienoberhaupt ist die Frau für finanzielle Entscheidungen und Verpflegung verantwortlich. Oft wird die Mosuo-Gesellschaft deshalb als Matriarchat bezeichnet, wobei die politische Entscheidungsmacht bei den Männern liegt. Eine eindeutige Definition der Mosuo als matriarchale Gesellschaft ist deshalb umstritten. Dennoch genießen Frauen eine hervorgehobene Stellung, mehr Freiheiten und Verantwortung, als in vielen anderen, vermeintlich fortschrittlicheren Teilen der Welt. Das gesellschaftliche Zusammenleben der Mosuo, so schreibt es der Anthropologe Chuan-Kang Shih, basiert auf der festen Überzeugung, dass Frauen – geistig und körperlich – stärker sind als Männer.

Das Zusammenleben der Mosuo basiert auf der festen Überzeugung, dass Frauen – geistig und körperlich – stärker sind als Männer.

Doch spätestens seit den 1950er Jahren wird diese Form des Zusammenlebens bedroht. Während der Kulturrevolution wurde die Ausübung des Glaubens verboten, Paare zur Ehe gezwungen. Heute ist der Umgang mit der Mosuo-Kultur von Vorurteilen geprägt – oftmals ist von angeblicher Promiskuität die Rede. Die Bräuche und Gepflogenheiten werden von der Chinesischen Regierung als Touristenattraktion instrumentalisiert. Mit dem zunehmenden Tourismus kommt auch die Entwicklung der Infrastruktur, doch der finanzielle Nutzen für die Mosuo selbst bleibt größtenteils aus: Mehr und mehr junge Mosuo ziehen in die nahegelegenen Städte. Das Zusammenleben im gemeinschaftlich organisierten Haushalt wird für die Großfamilien zusehends zur finanziellen Schwierigkeit.

Karolin Klüppels Fotos konzentrieren sich auf diejenigen, die sich an das alte Leben in Abgeschiedenheit noch erinnern können: die älteren Mosuo Matriarchinnen, auch „Dabu“ genannt. Diese Frauen sind stolze Hüterinnen der Mosuo-Kultur – und sich gleichzeitig ihrer akuten Bedrohung bewusst.

„Vor 15 Jahren lebte ich noch mit meiner Schwester und meinem Bruder zusammen, es ging uns gut, wir hatten keine Geldsorgen. Dann starb mein Mann, und mein Bruder und meine Schwester zogen weg. Inzwischen haben wir viele Schwierigkeiten. Als ich ein kleines Kind war, waren wir reich; heute ist alles nur noch schwer.“
Asa Pure (67), Shankua
Das Waschbecken der Familie von Du Zhi Ma. In ihrem Haus gibt es noch immer kein fließendes Wasser.
Naju Dorma: „Ich bin sehr froh darüber, dass so viele Touristen nach Luoshui kommen. Früher waren wir sehr viel ärmer. Wir leben im oberen Teil des Dorfes, hier ist es weiterhin recht ruhig. In den letzten Jahren sind viele Han-Chinesen nach Luoshui gezogen und haben hier Restaurants und Hotels eröffnet. Uns stört diese Veränderung überhaupt nicht. Nur die Han-Chinesinnen, die sich als Mosuo verkleiden, um die Männer auszutricksen – das ist ziemlich unangenehm.“
Naju Dorma (73) und Lacuo Dorma (66), Luoshui
Ein traditionelles Mosuo-Bett neben der Feuerstelle.
Schweinekiefer hängen über der Eingangstür. Die Mosuo konservieren Schweinefleisch bis zu zehn Jahre lang.
„Ich habe zwei Töchter und zwei Söhne. Meine Töchter haben geheiratet und sind, der Han-Chinesischen Tradition folgend, bei mir ausgezogen. Es war schwierig für mich, ihre Entscheidung zu akzeptieren, die sich gegen unsere Tradition der Besuchsehe richtet.“
Asa Nuja (69), Shankua
Die Küche von Asa Pure.
„Meine Kinder sind nicht zur Schule gegangen und sprechen kein Chinesisch. Als sie klein waren, war die Schule zu weit weg und uns fehlte das Geld. Heute besucht meine Enkelin sogar die Hochschule in Lijiang. Ich hoffe, dass sie nach ihrem Studium zurück nach Hause kommen wird, aber ich weiß es nicht.“
Shuzhi Naje (70), Dingjia Wanzi
Das Schlafzimmer der Dabu dient laut Tradition auch als Ess- und Wohnzimmer für die gesamte Familie.
Jeden Morgen treffen sich die Frauen hier zum Beten. Die Mosuo haben zwei verschiedene Religionen. Die eigene Religion, Daba, ist seit Jahrtausenden Teil ihrer Kultur. Der tibetische Buddhismus, den sie ebenfalls praktizieren, spielt heutzutage eine sehr wichtige Rolle in ihrem Alltag.
Dashi Lamu (72) am Ufer des Lugu-Sees in Luoshui

Karolin Klüppel (*1985) schloss 2012 einen MFA in Photography an der Kunsthochschule Kassel ab. Seitdem widmet sie sich ausschließlich ihren persönlichen Projekten, in denen sie sich mit den letzten matriarchalen und matrilinealen Gesellschaften unserer Zeit beschäftigt. Ihr Projekt „Mädchenland“ hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. 2016 veröffentlichte sie ihre erste Monografie im Hatje Cantz Verlag.

www.karolinklueppel.de

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