Tim Brederecke & Maximilian Mann

Pankisi

In einer abgelegenen Bergregion an der georgisch-russischen Grenze liegt das Pankisi-Tal. Die ruhige Kulisse des Kaukasus am Alazani-Fluss lässt kaum vermuten, dass die kleine Region immer wieder für mediale Aufmerksamkeit sorgt.
Der Alazani-Fluss formte einst das Pankisi-Tal. In den Wintermonaten schrumpft der Fluss auf einen Bruchteil der eigentlichen Größe zusammen.

Fotos Tim Brederecke und Maximilian Mann
Text Noura Mahdhaoui

Der Großteil der BewohnerInnen des Pankisi-Tals gehört zur ethnischen Minderheit muslimischer Kisten. Im 18. und 19. Jahrhundert flüchteten diese aus ihrer Heimat Tschetschenien vor Blutrache, religiöser Verfolgung oder wirtschaftlicher Not und ließen sich in der Region nieder. Ihre Einkommensquellen sicherten sie vor allem durch Viehwirtschaft und Kunsthandwerk.

Doch die Erlaubnis zur Ansiedlung im christlichen Georgien war damals gebunden an einen Übertritt der EinwanderInnen zum Christentum und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konvertierte eine Mehrzahl von ihnen zurück zum sunnitischen Islam. Zurück in ihre Heimat Tschetschenien dürfen sie noch immer nicht, doch ein Gefühl der Zugehörigkeit in Georgien blieb für viele von ihnen bis heute aus.

Samira ist bei ihren Großeltern Lena und Noshrevar Gumashvili zu Besuch. Die Großeltern leben auf einem kleinen Hof direkt am Fluss.
Viele der Bewohner leben in sehr armen Verhältnissen. Sie bekommen kaum Unterstützung vom Staat.

Die muslimischen KistInnen im Pankisi-Tal bezeichnen sich selber als praktizierende SufistInnen. Der Sufismus gilt als spirituelle Strömung im Islam, deren AnhängerInnen zu Lebzeiten des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert als einzelne AsketInnen überliefert sind. Heute werden sie vorrangig mit einer mystischen Auslegung des Islam in Verbindung gebracht. Viele von Ihnen sehen sich als HadjiistInnen, SympathisantInnen des Tschetschenischen Mystikers und Pazifisten Kunta-Haji Kishiev, der im 19. Jahrhundert „brüderliche Liebe und gewaltlosen Widerstand“ predigte. Auch eine Moschee findet man im Tal. Dort treffen sich die BewohnerInnen zu gemeinschaftlichen Ritualen und Praktiken, die meist in Form von Tänzen und Gesängen Ausdruck finden.

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Die amerikanische Regierung spekulierte, dass sich die Terrororganisation Al-Qaida in der Region organisierte. Auch Moskau störte sich an Pankisi, als Zufluchtsort so vieler TschetschenInnen

Seit den Tschetschenien-Kriegen in den 90er Jahren des 21. Jahrhunderts und den damit verbundenen erneuten Flüchtlingsströmen, kamen auch internationale Hilfsorganisationen in die Region und lenkten damit neue Aufmerksamkeit auf den malerischen Ort im Nord-Osten des durch Krieg und Separatismus geprägten Georgien.

Als zu Beginn der 2000er Jahre entführte ausländische Geiseln aus der georgischen Hauptstadt Tbilisi in Pankisi versteckt gehalten wurden und erst gegen Lösegeldzahlungen freikamen, wuchs der öffentliche Verdacht die Dörfer seien nunmehr nicht nur Zufluchtsort für Geflüchtete aus Tschetschenien, sondern auch Rückzugs- und Trainingsgebiet tschetschenischer Rebellen. Schnell kam damit auch die Vermutung auf, das Tal diene als wichtige Schmuggelroute für Waffen- und Drogenhandel und die Amerikanische Regierung spekulierte, dass sich die Terrororganisation Al-Qaida in der Region organisierte. Auch Moskau störte sich an Pankisi, als Zufluchtsort so vieler TschetschenInnen und so steht das Tal auch heute noch in Verruf, als „Tal des Terrors“, Brutstätte des „Islamischen Staats“ zu sein.

Viele Bewohner des Tals gehen der traditionellen Schafzucht nach. Und auch heute noch werden viele Nutztiere für alltägliche Zwecke gebraucht.
Nineli Tsikhesashvili (46) lebt mit ihrem Sohn Nika und ihrem Neffen Georgi in einem kleinen Haus in Duisi. Ihr Mann, der vor wenigen Jahren verstarb, war Mitarbeiter des KGB.
Nika Tsikhesashvili (14) ist Notenbester in seiner Klasse und träumt davon später nach London zu ziehen und Medizin zu studieren.
Zunächst bekannten sich die Kisten zum Christentum, um die Erlaubnis zur Ansiedelung im Tal zu bekommen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konvertierten die meisten zurück zum Islam.
Anzor Duishvili (75) ruft jeden Freitag die Gläubigen zum Gebet. Das Freitagsgebet ist für die muslimische Kist-Gemeinschaft das wichtigste Gebet der Woche.
Relikte aus der Sowjetzeit sind trotz der negative Erinnerungen in vielen Häusern zu finden.
Einmal in der Woche treffen sich die Kinder und Jugendlichen für den traditionellen Tanzunterricht im Gemeindehaus.
Bidziha Qingladze (66) graviert seit vier Jahren in Duisi die Grabsteine für die örtlichen Friedhöfe.
Die Nahrungsmittel der Menschen stammen oft aus eigenem Anbau. Viele Bewohner versorgen sich zu großen Teilen selbst.
Makvala Margoshvili (links) wird seit Kindertagen nur Badi genannt. Nach den Tschetschenien-Kriegen engagierte sie sich mit einer Frauengruppe für den Frieden im Pankisi-Tal.
Raisa Margoshvili ist die Leiterin der Sufi-Geminschaft in Duisi und der dazugehörigen Gesangsgruppe.
Der fünfjährige Muhammed teilt sich das Schlafzimmer mit seinen zwei Brüdern und seiner Mutter, die während der Tschechenien-Konflikte in das Tal floh.
Am 9. Mai feiert man auch hier den “Tag des Sieges” zum Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.
Veranstaltungen für den “Tag des Sieges” beginnen schon Wochen vorher. Aufführungen und Märkte locken viele Besucher in das sonst so ruhige Tal.
Khasi Khangoshvili (73) ist Autor und beschäftigt sich in seinen Büchern mit der Religion und den Traditionen der Kisten. Seine Familie lebt seit vier Generationen im Pankisi-Tal.
In einer alten Moschee im Hauptort Duisi trifft sich die weibliche Sufi Gemeinschaft jeden Freitag, um das Dhikr-Gebet zu sprechen.
Der ehemalige Imam der Moschee in Duisi ist Tischler und Imker. Einmal die Woche unterrichtet er Jugendliche in seiner Arbeit.

Nur selten finden daher Gäste ihren Weg in die Dörfer am Alazani-Fluss. Doch viele BewohnerInnen tun sich schwer mit diesem Image, teilen dieses Bild nicht. Auch die örtlichen Behörden winken ab, die religiöse Ausrichtung der Menschen dort sei friedlich. Vor allem die Pankisi-Frauen bemühen sich ihre Gemeinden wieder attraktiv für Besucher zu gestalten, sie wirtschaftlich zu stärken. Sie organisieren Kulturabende, betreiben Gasthäuser und Verkaufen traditionelle Filzarbeiten. Sie wollen die Vergangenheit hinter sich lassen und bemühen sich um die touristische Entwicklung ihrer Region. Durch ausländische Investitionen aus Japan oder Polen entstehen Ferienwohnungen und Wanderpfade.

So kommt langsam Veränderung in das 38 Kilometer lange Fluss-Gebiet, mit seinen bewaldeten Berghängen, den von Feigen-, Aprikosen- und Walnussbäumen bewachsenen Wiesen und den schneebedeckten Gipfeln des Kaukasus. „Marshua kavkaz“ tönt es immer wieder aus den Gesängen der Sufi-Frauen-Gruppen auf dem Platz vor der Moschee in Duisi, dem wichtigsten Ort der schmalen Region. Sie besingen den „Frieden im Kaukasus“. stop

Das Pankisi-Tal ist seit mehreren Jahrhunderten Heimat für etwa 8000 muslimische Kisten.

Tim Brederecke, (*1993) ist zwischen dem Steinhuder Meer und Hannover aufgewachsen. Nach zwei Semestern Ingenieurwesen, entschloss er sich 2014 Fotografie in Dortmund zu studieren. Seitdem beschäftigt er sich in seinen freien Arbeiten hauptsächlich mit dokumentarisch/humanistischen Themen.

www.timbrederecke.com

Maximilian Mann, (*1992) wuchs in Kassel auf. Während eines Freiwilligendienstes in Tansania wuchs sein Wunsch, Fotografie zu studieren. In seinen fotografischen Arbeiten beschäftigt er sich vor allem mit sozialen Randgruppen und Minderheiten in Osteuropa.

www.maximilian-mann.com

Noura Mahdhaoui (*1989 in Berlin) studierte Kulturwissenschaft und französische Philologie in Berlin und Paris. 2010 kam sie während ihres Studiums zum Journalismus. Sie ist seitdem für Print, mit Veröffentlichungen in der Wiener Zeitung, dem Gap-Magazin und der taz, und öffentlich-rechtliches Fernsehen in Frankreich und Deutschland tätig.

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