Jan Helge Petri

The Long Run

Seit Jahrzehnten gehören LäuferInnen aus Kenia zur Weltspitze. Die Trainingsbedingungen dort sind günstig und sportlicher Erfolg verspricht finanzielle Unabhängigkeit. Doch auch die Konkurrenz ist groß.

Bei internationalen Laufwettbewerben ist keine Nation erfolgreicher als Kenia. Die Läufer aus dem ostafrikanischen Land scheinen bei Rennen fast leichtfüßig über dem Boden zu schweben. Die Konkurrenz bleibt regelmäßig außer Atem und chancenlos zurück.

Wer als Kenianer bei einem internationalen Wettkampf als Sieger die Ziellinie überquert, kann sich nach dem Gewinn des Preisgeldes auf ein neues Leben in der Heimat freuen. Diese Hoffnung motiviert auch den 31-jährigen Abraham Sitieney Kirwa. Er ist 1.500-Meter-Läufer und trainiert in der Läuferhochburg Iten, 350 km nordwestlich der Hauptstadt Nairobi.

Abraham Sitieney Kirwa bereitet sich auf einen Trainingslauf vor.
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Die Miete von Abrahams Wohnung in Iten kostet umgerechnet 30 Euro pro Monat.
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„Ein perfekter Lauf könnte mein Leben komplett verändern“, murmelt Abraham und schaut dabei verlegen zur Seite. Er sitzt auf der Holztribüne des Kamarini-Stadions in Iten und beobachtet, wie die anderen Athleten auf dem staubigen, roten Boden unermüdlich ihre Runden drehen. Olympiasieger, Weltmeister und Gewinner hoch dotierter Marathons haben schon hier trainiert. Abraham kennt ihre Erfolgsgeschichten, wie jeder kenianische Läufer, in- und auswendig.

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Wie gut ist die Konkurrenz? Die anderen Athleten werden von der Tribüne aus beobachtet. Unter Läufern ist das Kamarini-Stadion in Iten weltberühmt.
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Weil es in der Mittagszeit in Kenia oft zu warm zum Laufen ist, trainieren viele Athleten früh Morgens und Abends.
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Der 31-jährige Abraham dehnt sich nach einem Trainingslauf.
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Abraham (l) und seine Läuferfreunde beim Frühstück nach dem morgendlichen Training. Es gibt Chapati - ungesäuertes Fladenbrot - und Tee.
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Iten liegt 2.400 Meter über dem Meeresspiegel. Der Sauerstoff ist knapp und das Training dadurch besonders effektiv.
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„Ein perfekter Lauf könnte mein Leben komplett verändern“ – Abraham hofft auf einen großen Sieg, dafür trainiert er täglich.
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Schon seit den 1960er Jahren stehen Athletinnen aus Kenia an der Weltspitze des Laufsports. Mögliche Gründe hierfür sind verschieden wie vielfältig. Die Städte und Dörfer sind oftmals weit voneinander entfernt, große Strecken werden zu Fuß zurückgelegt. Das beginnt häufig schon beim Schulweg. Daneben bietet das Hochland ein gemäßigtes Klima mit Temperaturen konstant über zehn Grad.

Um selbst zu einer lebenden Legende zu werden, steht Abraham schon vor Sonnenaufgang zum „Speedwork“ auf

Allem voran aber ist die Höhenlage ein besonders günstiger Faktor für die Sportausbildung. Die Läuferhochburg Iten liegt 2.400 Meter über dem Meeresspiegel – die Luft ist dünn und das Training dadurch extrem anstrengend. Doch gerade durch den geringen Sauerstoffgehalt wird der Körper angeregt, vermehrt rote Blutkörperchen zu bilden, was Höhentraining so effektiv macht.

Um selbst zu einer lebenden Legende zu werden, steht Abraham schon vor Sonnenaufgang zum „Speedwork“ auf: 15 Mal sprintet er eine rund 200 Meter lange Steigung hoch und wieder runter. Im Juli 2017 ist Abraham mit einer Zeit von 3:38.46 über 1.500 Meter im Halbfinale der Qualifikation für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London knapp ausgeschieden. Er landete auf Platz fünf – und war enttäuscht.

Abraham lässt sich die Beinmuskulatur lockern. Zimperlich geht es bei der Massage nicht gerade zu.
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Der nächste Trainingslauf beginnt um 6 Uhr am Morgen. Um fit zu sein, geht er früh ins Bett.
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An den Wochenenden arbeitet Abraham auf dem Feld und kümmert sich um seine vier Kinder, seine jüngste Tochter ist drei Jahre alt. Abrahams Frau starb 2016 an einem Herzversagen, seitdem umsorgt er die Kinder zusammen mit seinen Eltern.

In Abrahams Heimatdorf Kapkangani gibt es nur einen einzigen Traktor. Die Feldarbeit per Hand ist extrem anstrengend.
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Am Wochenende fährt er mit seinen Kindern regelmäßig zu den Eltern, die Fahrt dauert 2,5 Stunden.
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Am Abend sitzt die ganze Familie an der Feuerstelle im Heimatdorf Kapkangani.
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Seit dem Tod seiner Frau versucht Abraham die Zeit mit seinen Kindern intensiver zu nutzen.
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Er träumt von großen Siegen, einem eigenen Motorrad und Unabhängigkeit. Doch die Konkurrenz in Kenia ist riesig und leider auch verdammt schnell. Jeder hofft auf seine Chance.

Abraham hat ein Ziel: er möchte die Distanz von 1.500 Metern in weniger als 3 Minuten und 36 Sekunden laufen. Noch fehlen ihm dazu einige Sekunden.
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Jan Helge Petri (*1987 in Osnabrück) entschied sich 2015, nach mehreren Jahren im Marketing, das Risiko einzugehen und sich als Sportfotograf zu versuchen. Seine Reportagen wurden seither in zahlreichen nationalen wie internationalen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht, wie etwa Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Politiken und Adresseavisen. Seit 2017 ist Jan Mitglied im VDS (Verband der Sportjournalisten). Besonders interessieren ihn die verschiedenen Sportgemeinschaften, seine Bilder entstehen oft hinter der Bühne der eigentlichen Wettbewerbe. Jan ist selbst begeisterter Sportler und freut sich besonders wenn die vermeintlichen Außenseiter gewinnen. Er wohnt und arbeitet derzeit in Hannover.

www.janhp.com

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