Ksenia Les

The Chosen Family

Die Adoptionsraten in Russland sinken stetig: Immer mehr sozial verwaiste Kinder bleiben so ohne Ersatzeltern zurück. Dennoch gibt es Ausnahmen, wie die russische Adoptions-Großfamilie Morozovy zeigt.

Fotografie Ksenia Les

Interview Verena Meyer

Sechzehn Kinder wurden von der Familie Morozovy adoptiert. Ksenia Les, eine aus Russland stammende Dokumentarfotografin, lernte über einen Freund die Familie kennen und dokumentiert nun seit 2016 das Leben in der Adoptionsgroßfamilie: das Verhalten zwischen Geschwistern, die Beziehung zu den Eltern und das Aufwachsen der einzelnen Kinder. Entstanden ist dabei die Serie „The Chosen Family“. Im Interview mit emerge gibt sie einen Einblick in das Langzeitprojekt. Sie erzählt was es für die Adoptiveltern bedeutet die Kinder zu „guten russischen Bürgern“ zu erziehen, wie sie sich selbst in der Familie fühlt und welche Entwicklung sie für die Situation sozial verwaister Kinder in Russland prognostiziert.

Der Vater, Sergey, 47, verteilt das Lieblingsessen der Kinder: Nudeln mit Hackfleisch. Die Kinder haben einen separaten Essensraum. Nur die Älteren dürfen von Zeit zu Zeit mit den Eltern in der Küche essen.
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Die Kinder üben patriotische Lieder für den Tag des Sieges am 9. Mai. Es wurde zu einer Tradition, dass eine Gruppe ansässiger Veteranen die Familie besucht.
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emerge: „The Chosen Family“ ist ein freies Projekt von dir. Wie hast du die Familie Morozovy kennengelernt?

Ksenia Les: Ich habe sie kennengelernt, als ich 2015 in Kaliningrad war. Da habe ich einen Freund getroffen, der Pate eines Kindes der Adoptivfamilie ist. Er hat mich gebeten, ein Geschenk für sein Patenkind vorbeizubringen. So kam ich das erste Mal mit der Familie Morozovy in Kontakt. Von Beginn an hat mich die Entstehung dieser Familie sehr fasziniert.

Die Familie, von der du erzählst, hat sechzehn Kinder adoptiert. Wie haben sie sich dazu entschieden?

Die Eltern haben sich mit Mitte vierzig kennengelernt. Trotz eigener Kinder blieb der Kinderwunsch. Weil für sie außer Frage stand, noch einmal selbst Kinder zu bekommen, haben sie sich für die Adoption entschieden. Bei einer Adoptionsvermittlungsstelle wurde ihnen angeboten, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Als Gewinner sollten sie sieben Kinder bekommen – was natürlich mit finanziellen Vorteilen und Prestige verbunden wäre. Im Endeffekt gab es nur sie als Teilnehmer und so haben sie gleich mehrere Kinder adoptiert.

Das heißt, die Kinder kannten sich schon vorher?

Genau, die erste Adoptionswelle schon. Untereinander haben die Kinder deshalb eine besondere Beziehung. Der Respekt vor den Eltern ist jedoch sehr groß. In meinem Projekt habe ich mich aus diesem Grund vor allem auf die Kinder konzentriert.

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Die älteren Kinder sind verantwortlich für die Kleinen: Sie holen sie von der Schule ab, helfen ihnen mit Hausaufgaben und bei der Dusch-/Toilettenroutine. Artem, 17, überprüft, ob das Schlafzimmer geputzt wurde, bevor Ilya, 7, und Sergey, 6, schlafen gehen dürfen.
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Katya, 14, bereitet sich auf das Schulkonzert vor und probiert verschiedene Kleidung und Schuhe aus. Kristina, 4, möchte auch daran teilnehmen.
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Aus welchen Verhältnissen stammen die Kinder?

Einige haben sehr lange bei ihren Eltern gewohnt. Dort wurden sie in vielerlei Hinsicht nicht notwendig versorgt, es gab zum Beispiel nur Brot und Reis. Viele haben von Ratten erzählt. Die Eltern haben geschrien und getrunken. Das Jugendamt ist mit solchen Situationen überfordert, es gibt zu wenige Arbeitskräfte.

Wie alt waren sie dann bei der Adoption?

Manche waren vier oder fünf, andere waren auch schon zehn und sechzehn Jahre alt. Deshalb waren alle auch eine unterschiedliche Zeit lang in der Familie. Aber auch wenn die Kinder ausgezogen sind, können sie immer nach Hause zurückkommen. Nach Abschluss der Berufsschule ziehen viele noch einmal für ein paar Jahre zurück ins Elternhaus.

Wie hat sich das Kennenlernen der Familie über den Zeitraum hinweg für dich entwickelt?

Ich wurde direkt sehr willkommen geheißen und als Familienmitglied aufgenommen. Die Kinder waren zwar zum Teil verschlossen, weil sie traumatische Erlebnisse hinter sich hatten, aber einige waren trotzdem sehr offen, teilweise sogar fast anhänglich. Mit der Zeit gewöhnten sich aber alle Kinder an mich und die Kamera, das Fotografieren rückte eher in den Hintergrund. Im Haus ist immer viel los, deshalb fiel es insgesamt kaum auf, wenn ich fotografierte. Es kam nicht so rüber, als würde ich jemanden „mit der Kamera verfolgen“.

Die Brüder Andrey, 8, Sergey, 6, Ilya, 7, Sergey, 14, und Mutter Larissa, 51, sehen sich eine Serie an bevor sie schlafen gehen.
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Was waren besondere Momente beim Fotografieren?

Der Tag der Epiphanie ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Mitten in der winterlichen Nacht sind wir damals aufgestanden und zum Meer gefahren. Nach einer russisch-orthodoxen Tradition schwimmt in dieser Nacht Epiphanie im Wasser, egal wie kalt es ist, deshalb ist das Wasser in dieser Nacht heilig. Es waren nur die Jungs dabei, sie sind alle ins Meer gesprungen. Zurück zu Hause haben wir einen warmen Tee mit Cognac getrunken. Auch die Kinder. Die sind aber mindestens 14 Jahre alt.

Epiphany: Katia und Katia dürfen nicht mit den Jungs mit zum heiligen Wasser gehen. Dafür organisieren sie ihr eigenes Ritual.
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Wie wohnst du bei der Familie?

Wenn ich in dem Haus bin, teile ich mit ein paar Mädchen zusammen ein Zimmer. In jedem Schlafzimmer wohnen drei oder vier Kinder. Ich war immer in einem Kinderzimmer und wurde sozusagen eine von ihnen.

Kristina, 6, und Sofia, 7, spielen heimlich im Zimmer der älteren Schwestern.
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Katya, 16, ist verantwortlich dafür, die Kleidung der Kinder für den Schulbeginn vorzubereiten. Sie träumt davon im Kindergarten zu arbeiten, wird aber bald bei einer Telefonfirma in die Lehre gehen.
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Das muss sehr intensiv sein.

Ja, das Projekt ist nicht nur zeitintensiv, sondern auch emotional sehr fordernd. Wenn ich mehr als eine Woche bleibe, sehen mich die Eltern als ihr eigenes Kind an. Da ich jedoch nicht alle Einstellungen mit ihnen teile, fühle ich mich schnell unwohl. Eigentlich möchte ich mich nicht einmischen, auch was die Erziehung angeht, aber wenn ich länger da bin, fange ich an meine Meinung zu äußern. Außerdem wollen die Kinder, je länger ich bleibe, immer weniger, dass ich wieder gehe. Deshalb möchte ich die Familie nicht mehr in unregelmäßigen Abständen besuchen, sondern mit einer Regelmäßigkeit von einmal im Jahr. Dann bin ich wie eine „gute Tante“.

Was sind das für Unterschiede in euren Einstellungen, kannst du das genauer ausführen?

Zum einen die russische Politik. Darüber rede ich erst gar nicht mit der Familie, denn das führt schnell zu einem Konflikt. Außerdem haben wir sehr unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung. Die Eltern legen keinen großen Wert auf die Förderung der individuellen Werte der Kinder. Sie wollen ihre Kinder zu „guten russischen Bürgern“ erziehen. Insgesamt können sie auch keine große Nähe zu den Kindern aufbauen.

Sergey, 6, und Andrey, 8, werden von ihrem älteren Bruder bestraft, weil sie zu laut waren und nach 21 Uhr ferngesehen haben. Sie müssen für eine halbe Stunde mit ihrem Gesicht zur Wand in der Ecke stehen.
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Der 1. September, wenn ein neues Schuljahr startet, ist der Tag des Wissens in Russland. Es ist sehr wichtig für Larissa, dass die Jungs sehr sauber und ordentlich aussehen, weil es das gesamte Ansehen der Familie beeinflussen wird.
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Hast du das Gefühl, das liegt daran, dass es so viele Kinder sind?

Zum Teil, ja. In den letzten drei Jahren sind diejenigen, die schon 18 waren, ausgezogen. Das heißt, es fehlte die staatliche finanzielle Unterstützung, auf die sie angewiesen sind – das sind 8000 Rubel, ungefähr 100 Dollar pro Kind und Monat. Deshalb haben sie noch drei weitere Kinder adoptiert. So haben sie nun natürlich noch weniger Zeit für den oder die Einzelne*n. Ich glaube auch, dass die Kinder erst ab 14 richtig ernst genommen werden. Solange sie noch klein sind, müssen sie erst beweisen, dass sie in diese Familie hineinpassen. Aber obwohl ich vieles kritisch sehe, empfinde ich es trotzdem als positiv, dass sie die Kinder aufgenommen haben. Denn die Kinder wachsen in einer geschützten Atmosphäre zu einer Familie zusammen.

Der Sommer beginnt bald und es wird warm. Nachdem alle Haushaltsaufgaben erledigt wurden, entschieden sich einige ältere Kinder (Katya, 15, und Misha, 15) ein Picknick für die Kleineren zu organisieren. Es gibt Kekse und Tee.
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Das haben sie vorher so wahrscheinlich nie erleben können.

Ich habe von mehreren Erfahrungen der Kinder gehört. Sie haben zum Beispiel erzählt, dass in der Zeit als das Kinderheim 2007 aufgelöst wurde, häufig Polizisten vorbeikamen, die mit den älteren Mädchen gegen Geld schlafen wollten.

Psychologische Betreuung gibt es für die Kinder wahrscheinlich kaum oder?

Nein. Ich glaube, in der Schule gibt es eine Psychologin, aber nicht speziell für die Adoptionskinder. Eines der Kinder war dort wegen Konzentrationsproblemen und nicht aufgrund eines Traumas.

Haben die Kinder insgesamt sehr offen darüber gesprochen, aus welcher Familie sie stammen oder wollten sie das erlebte eher für sich behalten?

Sie reden nur selten darüber. Manchmal kommt ein Kommentar wie „meine alte schlechte Mutter“.

Die Adoptiveltern suchen auch nicht das Gespräch oder reden darüber?

Nein.

Andrey, 9, zog 2014 ein und ist der Älteste von drei Geschwistern. Er verbringt viel Zeit mit seinen Hausaufgaben und kann sich dabei nur schwer konzentrieren. Andrey sucht oft Aufmerksamkeit von Besucher*innen und sagt ihnen immer wieder, er wünscht sich, dass sie Freunde sind.
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Du hast erwähnt, dass die Eltern ihre Kinder zu „guten russischen Bürgern“ erziehen wollen.

Ja, die Anpassung an die Gesellschaft ist ihnen wichtig. Dabei geht es um sehr klassische Werte: Du musst in der Schule gute Leistungen bringen, anschließend einen guten Beruf lernen und dann mit deiner Arbeit gut Geld verdienen. Nach der Schule sollen die Kinder schnell in eine Berufsschule gehen und nicht weiter an der Schule bleiben oder ein Studium beginnen. Die Eltern haben selbst nicht studiert und erachten das als Zeitverschwendung. Einige Kinder haben schlechte Noten und wollen auch gar nicht studieren, andere denken sehr wissenschaftlich. Aber alle werden gleichgesetzt.

Disziplin und Respekt für die Älteren ist etwas, das den Kindern früh beigebracht wird. Sergey, 15, erklärt den Jüngeren, wie man sich um den Haushalt kümmert.
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Haareschneiden ist Ritual der Familie, eine Gewohnheit aus der Militärzeit des Vaters. „Kurze Haare formen einen disziplinierten Charakter“ ist ein allgemeiner Glaube.
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Wie fühlen sich denn die einzelnen Kinder in der Familie?

Das ist sehr unterschiedlich. Katya, zum Beispiel, fühlt sich sehr wohl in der Familie. Sie hat die Aufgabe auf die Kleineren aufzupassen und träumt davon später im Kindergarten zu arbeiten. Weil die Berufsschule für Kindergärtner*innen jedoch sehr weit weg ist, haben die Eltern Angst sie dort alleine hingehen zu lassen. Deswegen muss sie vorerst eine andere Ausbildung machen. Aber sie genießt es, die Aufgabe der Aufpasserin für die kleineren Kinder in der Familie zu haben.
Mischa fühlt sich dagegen weniger wohl. Er musste schon früh auf eine Sonderschule gehen, weil er schlechte Noten schrieb. Aber in der Familie wird er wahrgenommen, als hätte er eine Behinderung. Er wird für vieles verantwortlich gemacht und behandelt, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Darunter leidet er sehr.

Misha, 15, kommt nur wochenends nach Hause. Vor fünf Jahren wurde er als ungeeignet für Regelschulen eingestuft. In Russland ist es fast unmöglich, gegen diese Diagnose vorzugehen. Seitdem muss Misha eine Schule für Kinder mit Förderbedarf besuchen.
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Was denkst du, wie sich die Situation sozial verwaister Kinder in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird?

Beobachtet man die Entwicklung der letzten Jahre, so gibt es gerade weniger Kinder in Kinderheimen. Gleichzeitig gibt es aber auch drastisch weniger Familien, die Kinder aufnehmen. Sozialpolitik ist gerade kein Fokus der russischen Regierung. Ich glaube, solange wir diese Regierung haben, wird sich die Situation insgesamt nicht verbessern. Es wird weiterhin eine große Menge an Kindern geben, die ohne Eltern bleiben.

Gibt es neben „The Chosen Family“ noch ein Projekt, dass du in nächster Zeit verwirklichen möchtest?

Derzeit arbeite ich an einem Projekt zum Thema Binnengeflüchtete in der Ukraine. Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das durch den Krieg vom Osten des Landes in den Westen vertrieben wurde. Sie hat eine Behinderung und damit zu kämpfen. Trotzdem ist sie ein sehr positiver, fröhlicher Mensch – ich möchte ihre Geschichte erzählen.

Sehr spannend. Gerade bist du auf Reisen – arbeitest du dabei auch an einer bestimmten Geschichte?

Neben Osteuropa interessiere ich mich sehr für Südamerika. In Ecuador habe ich gerade ein kleines Projekt begonnen, in einem Dorf namens Saraguro. Dort wohnen hauptsächlich Indigene, die ihre Tradition weiterführen – sie sprechen Quechua, beleben alte Tänze wieder. Es ist eine besondere Gemeinschaft, wobei entgegen dem Stereotyp der indigenen Bevölkerung fast jeder über einen der höchsten Universitätsabschlüsse in ganz Ecuador verfügt. Gerade bin ich wieder hier.

Viel Erfolg weiterhin! Danke für das Interview.

Vielen Dank.

Katya, 14, nimmt sich fast jeden Abend eine Stunde ihrer Zeit, um Aktivitäten für die jüngeren Kinder zu organisieren. Sie und Kristina, 4, ruhen sich nach einer kleinen Tanzrunde im Wohnzimmer aus.
© Ksenia Les

Ksenia Les (*1988) ist eine russische Dokumentarfotografin. Nach Deutschland umgezogen zu sein, eröffnete ihr die Möglichkeit ihr früheres Zuhause und die Mentalität der Menschen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Sie arbeitet an vielen Projekten zu sozialpolitischen Themen in Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Damit möchte sie die osteuropäische Identität abseits von Stereotypen aufzeigen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in News Deeply, Neon, Nido, taz und dem Yet Magazin veröffentlicht. Das Onlinemagazin für Fotografie und andere visuelle Praktiken OSTLOOK, mit dem Fokus auf osteuropäische und post-sowjetische Länder, gründete sie als eine der Herausgeberinnen mit. Gerade reist sie durch Südamerika.

Aus dem Projekt „The Chosen Family“ wird ein Buch entstehen.

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